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Wie muss Bildung für eine agile Arbeitswelt aussehen?

Zur Frage „Wie muss Bildung für eine agile Arbeitswelt aussehen?“ sprachen wir mit den Expert*innen Max Franke, Saskia Bruysten, Burckhardt Bonello und Laura Wamprecht. Vier Expert*innen, vier Standpunkte: Vorreiter*innen der Digitalwirtschaft über ihre Erfahrungen und Forderungen hinsichtlich einer zeitgemäßen Bildung für die nächste Generation.

„Wir machen oft die Erfahrung, dass neuen jungen Mitarbeitenden die Selbstständigkeit fehlt. Meiner Ansicht nach liegt das größtenteils an der ‚Verschulung‘ von Bachelor- und Masterstudiengängen. Fakt ist: Viele Lehr-Institutionen agieren nach wie vor sehr konservativ – das System Schule hat sich seit 100 Jahren nicht weiterentwickelt. Dabei bedeutet Lernen doch vor allem, hoch kommunikativ unterwegs zu sein, und bereits die Schulen müssten agil handeln. Warum verschließt sich die Bildung den neuen Medien? Der Kontext der Krise zeigt doch gerade, wo sich Lücken auftun. Aber es geht nicht nur um Technologie. Agiles Handeln spiegelt stets die eigene Motivation wider, und diese intrinsische Motivation ist der Treiber für Lust auf neues Wissen. Ein agiles System bedeutet auch, dass Fehler im Prozess eine andere Rolle spielen. Unternehmen, die eine Fehlerkultur leben, sind besser aufgestellt. Und, noch eine Erfahrung: Wer hoch motiviert ist, hat immer Ausdauer genug, um weiterzulernen. Motivation ist meiner Meinung nach wichtiger als Begabung. Schule muss einen Raum schaffen, in dem Kinder Spaß haben am Lernen. Und es muss sich was an der Methodik ändern. Die Frage lautet doch: Wie kommen Lernende in Motivation? Denn die Motivation bedingt die Entwicklung. Wenn die vorhanden ist, passiert vieles von ganz allein, das erlebe ich jeden Tag bei Meister 1. Natürlich muss man die agilen Arbeitsprozesse regelmäßig anpassen, ‚im Flow bleiben‘. Aber die Basis für den gemeinsamen Erfolg ist die intrinsische Motivation. Da sehe ich das Bildungssystem in der Pflicht.“

Max Franke ist Geschäftsführer von Meister 1, dem Marktführer für die Automatisierung von Handwerksangeboten. Vorherige Stationen waren Rocket Internet, ILove, Toptarif und Friendsurance.

 

„Bildung muss praktisch sein. Das sehe ich bei meiner Arbeit für Yunus jeden Tag. Noch mehr Abschlüsse in ‚Master in …‘? Ich denke, nein. Das Ziel von Bildung muss es sein, unternehmerisch zu denken und zu handeln. Wir müssen weg von der Gleichung ‚gute Ausbildung = guter Job = gutes Leben‘. Vielmehr geht es um das ‚unternehmerische Mindset‘. Bei Freelancern wird das ganz deutlich, denn diese Gruppe wächst stark. Wer als Freelancer keine hohe Eigenmotivation besitzt und nicht unternehmerisch denkt, wird nicht gebucht. So werden wir von ‚Angestellten‘ in einer Hierarchie zu ‚Partner*innen und Unternehmer*innen‘ auf Augenhöhe. Unternehmerisches Denken zu erlernen und zu trainieren ist die Basis für agiles Arbeiten.“ 

Saskia Bruystens Unternehmen Yunus Social Business (YSB) investiert in Firmen in Schwellenländern, um absolute Armut zu mindern, und berät Konzerne dabei, ihre Kernkompetenzen einzusetzen, um gesellschaftliche Probleme zu lösen.

 

„Ein wichtiger Beitrag von Bildung könnten meiner Ansicht nach verpflichtende Schulprojekte ein, zum Beispiel ‚Start-ups‘ in der Oberstufe, in denen die Schüler*innen Businesspläne erstellen, agile Methoden kennenlernen und unternehmerisches Denken trainieren. Dieses Mindset aus Eigenverantwortung, eigenem Antrieb und Verantwortungsbewusstsein – ownership – sollte so früh wie möglich vermittelt werden. Das alles in Verbindung mit einer hohen Fehlertoleranz. Fehler sind Kernsignale, aber bislang werden Schüler*innen hier falsch ‚sozialisiert‘. Und die Bildungsträger müssen sich beeilen, diese neue Wissenskultur zu vermitteln, denn agiles Arbeiten ist bei vielen Unternehmen heute schon Standard, und von Berufsanfänger*innen wird erwartet, dass sie die entsprechenden Voraussetzungen mitbringen. Schließlich müssen Unternehmen schnell und marktnah agieren. Die Zeit der Strategien, die im Fünfjahresplan umgesetzt wurden, sind vorbei.“

Burckhardt Bonello ist Seriengründer und Investor (unter anderem LocalLeads, Found Fair) und arbeitet bereits seit mehr als 20 Jahren mit agilen Methoden.

 

„Agiles Arbeiten setzt für mich voraus, dass ich mir die Frage beantworten kann, wie ich die beste Partnerin für meine Kund*innen sein kann. Dafür muss ich mich immer wieder wandeln. Das setzt das richtige Mindset, aber auch die relevanten Hard- und Softskills voraus. Bei dem Mindset geht es mir um die Bereitschaft, sich für die besten Lösungen konstant weiterzuentwickeln. Beispielsweise sind geistige Flexibilität, die Fähigkeit, sich auf etwas zu fokussieren, und das schnelle Erfassen von Problemen meiner Meinung nach viel wichtigere Merkmale, um erfolgreich agil zu arbeiten, als die einfache Umsetzung von vermitteltem Wissen. Bildungseinrichtungen müssen aus meiner Sicht sowohl das Handwerk vermitteln als auch den Raum schaffen, Agilität und Wandel ausprobieren und erfahren zu können. Wichtig ist mir dabei, die Eigenverantwortung der Menschen nicht aus dem Fokus zu verlieren. Agilität erfordert Eigeninitiative eines jeden Einzelnen. Das ist für mich keine Frage des Lehrplans, sondern dessen persönliche Ausgestaltung. Die Transformationsphase der Universitäten hin zum ‚Europäischen Hochschulraum‘ mit einem modularen Angebot war ein wichtiger Schritt, um Studierende auf eine agile Umgebung in einer globalen, vernetzten Arbeitswelt vorzubereiten. Und die Corona­pandemie hat uns noch mal ganz deutlich gezeigt, wie Bildung anders funktionieren kann und muss.“

Laura Wamprecht ist Geschäftsführerin bei Flying­Health, dem führenden Ökosystem für E-Health-Anwendungen.

Texte: Anke Bracht

Diese Statements wurden erstmals in der UNTERNEHMERIN (2020/2) veröffentlicht.