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Was in Zukunft wichtig ist

Mit sicherem Instinkt für gesellschaftsrelevante Themen legt Verena Pausder gern mal den Finger in die Wunde – so auch beim Thema Bildung. Im Interview spricht Verena Pausder von ihrem Engagement, appelliert für Digitale Bildung, spricht über ihre Definition von Unternehmertum, und vieles mehr.

Frau Pausder, auf Ihrer Website steht: „Für Bildung gibt sie alles“. Wie kam es dazu, dass Bildung Ihr Thema geworden ist?

Da gibt es nicht diesen einen Moment, sondern es war ein schleichender Prozess. Ich habe Fox & Sheep gegründet, Apps für Kinder entwickelt und mich irgendwann gefragt: Wie werden Kinder eigentlich nicht nur Konsument*innen dieser digitalen Welt, sondern Gestalter*innen? Wie lernen sie, mit dieser digitalen Welt umzugehen? Dann habe ich die Digitalwerkstätten gegründet und gemerkt, es melden sich hauptsächlich Eltern oder Kinder an, die auch schon sonst alles haben. Aber wie schaffst du es, dass das Thema nicht ein Elitenthema ist, sondern eins, das die breite Masse erreicht? Als Antwort habe ich Digitale Bildung für Alle e. V. gegründet.

Was muss Ihrer Ansicht nach Bildung heute können? Methodisch und inhaltlich?

Man benötigt auf der einen Seite natürlich Allgemeinbildung, man muss in der Lage sein, Meinung von Fakt zu unterscheiden. Auf der anderen Seite braucht es, viel mehr als in meiner Schulzeit, Fähigkeiten und Kompetenzen wie Resilienz, Frustrationstoleranz, das selbstbestimmte, eigenständige Lernen. Sicher, das alles war immer schon wichtig. Aber für eine Welt, in der laut Weltwirtschaftsforum 65 Prozent der heutigen Grundschüler*innen in Berufen arbeiten werden, die es jetzt noch gar nicht gibt, kann es ja nicht das Schulwissen sein, das den Ausschlag gibt, sondern die Fähigkeit, sich an verändernde Umfelder anzupassen, Wandel als Chance zu empfinden und nicht als Risiko. Deshalb ist das selbstbestimmte, eigenständige Lernen so viel wichtiger geworden.

Was bedeutet das für Deutschland? Woran müssen wir beim Thema Bildung besonders arbeiten?

Als Mutter und ebenso als jemand, der von der digitalen Bildung herkommt, bin ich der Ansicht: Es erfordert Freiraum, damit das Kind entlang seinem Lerntempo, seinen Interessen vorangehen kann, deshalb brauchen wir viel weniger Stoff im Lehrplan. Doch stattdessen wird dieser Lehrplan immer voller. Integration, Inklusion, offener Ganztag, individueller Unterricht – jetzt kommt noch Digitalisierung, und das in einem Land mit Lehrer*innenmangel, einem Land, dessen Lehrer*innen all diese Fähigkeiten gar nicht in ihrer Ausbildung lernen. Daran krankt das System: Wir haben die Schulen überfrachtet, und obendrauf kommt die Erwartungshaltung der Eltern, Schule möge die Erziehung übernehmen, und das Essen soll bio sein, und man möge auch bitte nicht zu hart mit den Kindern umgehen … Am Ende des Tages finden sich alle in einer Art rotem Bereich wieder, wo das Gegenteil von Entfaltung und Kreativität möglich ist.

Die Zeit während der Coronakrise möchte niemand verherrlichen. Aber als die Kinder zu Hause waren, konnten wir sehen, welche anderen Möglichkeiten es gibt. Da galten nicht Vorgaben wie: „Es ist 9.45 Uhr, jetzt ist Mathe vorbei, jetzt musst du mit Deutsch anfangen“, sondern wir haben uns die Frage gestellt: Was ist unser Lernziel für heute? Und womit du anfängst, ist egal, und wenn du etwas länger brauchst, macht das nichts. Ein solches Innehalten und Einordnen kann sonst fast gar nicht mehr stattfinden. Aber genau dies ist meiner Ansicht nach in einer Welt immer wichtiger, in der Demokratie nicht mehr einfach so zum Nulltarif daherkommt, sondern wo wir viel stärker Meinungen aussprechen müssen und uns dafür überhaupt erst einmal eine Meinung bilden müssen.

Ihr Mann und Sie haben vier Kinder, worauf legen Sie besonderen Wert bei der Wissensvermittlung?

Die eigenen Gedanken an den Anfang stellen, das Thema erst einmal öffnen im Sinne von: „Was ist denn schon an Vorstellungen in euren Köpfen, und wo sind noch Lücken?“ Es ist mir wichtig, dass wir nicht so viel „vorkauen“, und mir ist wichtig, dass die Kinder Eigenständigkeit lernen.

Sie sind auch Initiatorin von #stayonboard …

Der Auslöser dazu kam im März, deshalb war der März so anstrengend. Ich hörte, dass Delia Lachance ihren Vorstandsposten bei Westwing niederlegt, weil sie in Mutterschaftsurlaub gehen will. Mein erster Gedanke war: Das kann ja nicht sein, irgendwas stimmt hier nicht. Bei der Recherche habe ich dann überlegt: Ist sie vielleicht die erste Vorständin eines börsennotierten Unternehmens, die schwanger geworden ist? Haben wir bis 2020 gebraucht, um zu dieser Schnittmenge zu kommen? Und wirklich, bislang hat sich keine andere gemeldet. Aber wenn eine Schwangerschaft dazu führt, dass du dein Amt niederlegen musst, wie sieht es dann erst bei Krankheit aus, zum Beispiel bei Burnout? Was sagt es eigentlich über unsere Wirtschaft aus, wenn jede Menschlichkeit verloren geht? Biegen deshalb so viele Frauen vorher ab und sagen, selbst wenn ich intellektuell da oben mitkomme, ich empfinde das Umfeld als unmenschlich, und das möchte ich für mich nicht? Dann kann man sagen, Pech gehabt. Oder man sagt: Wir wollen mehr Frauen in Führungspositionen, dann müssen wir vielleicht etwas an dem Umfeld ändern.

Wie war das Echo?

Sehr groß, ich glaube, weil ich nicht für mich gesprochen habe und nicht in Verdacht gerate, dass ich für mich selbst eine Gesetzesänderung herbeiführe. Es wäre weitaus schwieriger gewesen, wenn drei DAX-Vorständinnen die Initiative angeführt hätten. Und es wäre schwierig gewesen, wenn ich nicht Aufsichtsrätin eines börsennotierten Unternehmens wäre, denn dann wäre schnell die Frage gestellt worden: Und, wer bist du denn? Die Herausforderung bestand natürlich auch darin, mit den Jurist*innen etwas zu produzieren, was dann hält, wenn es auf die Politik trifft. Das ist uns gelungen, denn der Gesetzesentwurf wird derzeit im Bundestag vorbereitet.

Social Media hat eine ungeheure Kraft …

250 000 Personen haben den Beitrag auf LinkedIn gelesen. Deshalb führe ich mir momentan immer wieder vor Augen: Wir sind wahrscheinlich die erste Generation, die eine inhaltliche Reichweite jenseits der konventionellen Medien aufbauen kann, und folglich kippt vielleicht gerade dieses Prinzip: „Du musst in die Politik, um etwas zu bewegen.“ Das ist es, was ich bei Wir für Schule, #stayonboard und der Diskussion über die Frauenquote immer wieder feststelle: Du kannst mit diesen „Extrareichweiten“ fast weiter kommen im öffentlichen Gehör.

Was treibt Sie an?

Ungerechtigkeit, Missstände und Generationengerechtigkeit motivieren mich am meisten. Ich bin noch zu jung, als dass ich mich irgendwann dafür rechtfertigen könnte, warum wir nichts getan haben. Ich empfinde eine große Verantwortung für die nächste Generation, frage mich: Wie wird sie sich auch ein Wirtschaftswunder erarbeiten können, worauf baut unser zukünftiger Wohlstand auf? Wie schaffen wir es, dass diese Gesellschaft nicht völlig auseinanderfällt? Das ist etwas, woran ich mich einmal messen lassen möchte. Ich muss nicht noch drei-, viermal gründen. Ich möchte gern die größte außerparlamentarische Opposition dieses Landes anführen unter dem Leitspruch: „Was geht noch besser?“

Was bedeutet Unternehmer*innentum für Sie?

Es ist der Kern von allem, was ich mache. Unternehmer*innentum bedeutet für mich, eine Chance zu sehen, sie zu ergreifen und so lange festzuhalten, drauf herumzubeißen und umzusetzen, bis man sein Ziel erreicht hat. Das muss nicht immer mit einem Unternehmen verknüpft sein. Es kann auch eine Initiative sein, es kann Politik sein – man kann unternehmerische Politik machen. Für mich ist Unternehmer*innentum ein Mindset, das besagt: Ich nehme mein Leben selbst in die Hand, suche eigene Lösungen und nehme eine eigene Haltung ein.

Kann jede*r Unternehmer*in sein?

In diesem Land nicht, zumindest nicht aktuell. Wenn in der Schule keine Vermittlung von unternehmerischem Denken stattfindet, wenn dieses eben beschriebene Mindset im Elternhaus nicht gelebt wird, und wenn wir dieses Thema zu wenig ans Licht heben und feiern … Es fehlt einfach die Begeisterung, dass es etwas Tolles ist, Unternehmer*in zu sein, dieses Zielbild fehlt. Und, ganz wichtig: Unternehmer*innentum bedeutet für mich Chancengerechtigkeit. Wenn ich qua Mentoring, Wissen oder Geld meine eigenen Ideen umsetzen kann, ist der soziale Status meiner Eltern völlig unerheblich.

Darf man etwas in den Sand setzen?

Unbedingt darf man das, man kann nicht mit einem Erfolgsversprechen in alle Richtungen gründen. Aber es ist auch falsch zu sagen, jeder muss was in den Sand setzen. In meinem Fall waren es unglaublich viele Learnings, die im Erfolgsfall auf Dauer weniger präsent bleiben, weil man weiß: Das will ich nicht noch einmal falsch machen. Ich glaube, es macht einen Menschen ganzheitlicher, wenn er auch einmal scheitert, privat oder beruflich. Aber das heißt nicht, dass ich es jedem wünsche oder dass man etwas verpasst hätte, wenn man noch nie gescheitert ist. Mein Learning aus Fox & Sheep: Es hängt vom Timing der Idee ab und nicht von deinem persönlichen Timing.

Viele gehen an das Thema Gründung ran: „Jetzt passt es ganz gut. Bin gerade rausgeflogen, habe gekündigt oder die Kinder sind gerade unkompliziert oder ich habe noch keine …“ Das mag aus der persönlichen Sicht so sein, aber die Idee, der Markt, das Team – sie entscheiden darüber, ob es klappen wird. Bei Fox & Sheep sprach privat alles dagegen, ich war in Vollzeit berufstätig, alleinerziehend mit zwei kleinen Jungs, ein schlechteres Timing hätte es nicht geben können. Aber es war das beste Timing für diese Idee! Und jetzt erlebe ich es wieder, wenn ich mir überlege, in die Politik zu gehen: Der Erfolg hängt davon ab, ob die Idee reif ist, nicht ob du reif bist.

Haben Sie spezielle Tipps für Gründerinnen?

Ein Tipp wäre: Denkt noch größer, dream even bigger, weil Frauen immer nur das versprechen, was sie halten können. Und das passt dann nicht zu einem Wachstums-Skaliermodell, wo man einfach noch nicht weiß, wohin die Reise gehen wird. Darum größer träumen, weil dann auch etwas Größeres rauskommt und die Finanzierung größer wird für das Ganze. Und das Zweite ist: nicht denken, man müsste zu Themen gründen, die gerade bei Investor*innen beliebt sind. Ein gutes Beispiel ist die Periodenunterwäsche von ooia. An so etwas hat vor zwei Jahren niemand gedacht. Aber jetzt sprechen wir von einem Riesenmarkt, und ooia ist ein Superprodukt. Die beiden Gründerinnen haben alles ohne einen Cent von außen aufgebaut, ihr Unternehmen ist profitabel. Deshalb: Bleibt euch treu!

Was muss man tun, damit mehr Frauen gründen?

Es gibt einen Female Founders Monitor vom Bundesverband Deutsche Startups, der diese Frage breit untersucht hat. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist in dem Zusammenhang eines der größten Themen. Zweitens: Nur vier Prozent der Geber von Venturecapital-Unternehmen sind Frauen, und Frauengründungen bekommen per se weniger Venturecapital. Drittens bilden wir für den Tech-Bereich zu wenig aus. Inzwischen studieren viele Frauen MINT-Fächer, aber zu wenige werden dann auch wirklich Software-Engineer, Data-Scientist und Ähnliches. Aber wenn ich mit Tech keine Berührungspunkte habe, dann verfüge ich auch nicht über ein Netzwerk an Programmierer*innen, dann kenne ich mich in diesem Ökosystem nicht genug aus, dann gründe ich eher was Analog-Haptisches. Und das ist viel schwerer zu skalieren.

Haben Sie eine Herzensangelegenheit?

Vor Corona hätte ich mich auch als mutig beschrieben, aber über das System habe ich nicht viel nachgedacht. Jetzt kommt es mir so vor, als wäre das System an vielen Stellen einfach aus der Zeit gefallen … Können wir bitte endlich mal über eine Föderalismusreform reden? Über eine Verwaltungsreform?

Wenn wir in fünf Jahren wieder hier sitzen, was sind die Themen?

Wie schaffen wir ein digitales, nachhaltiges Wirtschaftswunder in Europa? Im Moment haben wir das Sprungbrett noch nicht gebaut, von dem wir abspringen wollen. Wir haben keine digitale Infrastruktur, 5G hakt, wir haben viel zu langsames Internet in vielen Teilen unseres Landes, wir haben keine digitale Bildung und bilden deshalb nicht die Fachkräfte von morgen aus. Und bei der digitalen Verwaltung, bei alldem, was es braucht, damit der Staat auf seine Weise zukunftsfähig wird, haben wir noch gar nicht angefangen. In fünf Jahren weiß ich hoffentlich die Antworten darauf und habe den besten Hebel erkannt, um all das umzusetzen. Und diesen Hebel legen wir dann um.

 

ZUR PERSON

VERENA PAUSDER kam 1979 in Hamburg zur Welt und studierte an der Universität St. Gallen Finanzwesen und Controlling. Die Gründerin von Fox & Sheep (2012) zählt zu den bekanntesten Gesichtern der deutschen Digitalszene. 2016 wurde sie vom World Economic Forum als Young Global Leader aus-gezeichnet; 2018 erfolgte die Aufnahme in die Forbes-Liste „Europe’s Top 50 Women In Tech“. Verena Pausder engagiert sich für Bildung, Chancengleichheit und Gleichberechtigung. Sie ist Mitglied des Innovation Council der Digitalstaatsministerin Dorothee Bär und im Hochschulrat der CODE University in Berlin. Im September erschien ihr Buch „Das Neue Land“. Verena Pausder lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Interview: Christian Bracht

Fotos: Marzena Skubatz

 

Dieses Interview wurde erstmals in der UNTERNEHMERIN (2020/2) veröffentlicht.