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Unternehmerinnen entdecken die Vielfalt der Linie

„Wie das wohl konstruiert wurde?“ Heike Preuß beugt sich über ein Werk, das aus Hunderten Metallstäben besteht. Die Skulptur ist komplex und doch besteht sie nur aus einzelnen geraden Linien. Preuß ist eine von zwanzig Unternehmerinnen, die mit dem VdU Baden nach Waldenbuch gekommen sind, um Werke aus der Sammlung Marli Hoppe-Ritter in der aktuellen Ausstellung zu entdecken.

Heike Preuß ist selbst Goldschmiedin und Schmuckdesignerin und rätselt gemeinsam mit den anderen Kunstinteressierten, wie die Skulptur aufgebaut ist: Eine Art Stern, fragil und zugleich robust, ein Werk aus einem Science-Fiction-Film, das wie ein in Metall gegossener Stern wirkt und aussieht, als könnte gleich das Universum darin geboren werden.

Heike Preuß nimmt die Stellen genauer unter die Lupe, an denen die einzelnen Stäbe zusammengeschweißt sind und vermutet: „Die Stäbe sind alle gleich lang.“ Sie nimmt mit den Fingern vorsichtig Maß, und die Unternehmerinnen staunen über die Akribie, die in der Komposition steckt.  

Ob beispielsweise Serena Amrein, Channa Horwitz, Karl Peter Röhl oder Paul Klee – in den Werken all jener Künstler und Künstlerinnen spielt die Linie in ihren Varianten eine tragende Rolle. Die aktuelle Ausstellung „Kein Tag ohne Linie“ zeigt, was aus einer einfachen Form entstehen kann. Die Kompositionen sind schwungvoll, organisch, gradlinig, verspielt, streng oder mit spontanem Strich gezeichnet.

Die Unternehmerinnen bleiben vor einer kleinen noch nicht einmal DIN A4 großen Zeichnung von Ruppe Koselleck stehen, auf der ein kleines Quadrat eine Treppe hinunterspaziert. Kuratorin Hsiaosung Kok, die gemeinsam mit VdU-Mitglied Marli Hoppe-Ritter durch die Ausstellung führt, erklärt: Das kleine Gemälde sei nicht nur eine Referenz auf Kasimir Malewitschs berühmtes Schwarzes Quadrat, sondern unter anderem auch auf Gerhard Richters „Ema“, nämlich die Fotografie einer nackten Frau, die eine Treppe hinabsteigt. Die Unternehmerinnen schmunzeln darüber, dass in so in wenigen fast kindlich anmutenden Strichen ein gewaltiges Stück Kunstgeschichte steckt.

Hsiaosung Kok und Marli Hoppe-Ritter – sie ist Miteigentümerin der Firma Ritter Sport – begleiten ihre Gäste weiter an unterschiedlichsten Werken vorbei: Skulpturen aus Metall, die sich in Bewegung versetzen lassen, Installationen aus Neonröhren, Gemälde mit ruhiger Hand gezeichnet oder per Computer generiert. Marli Hoppe-Ritter hatte das Museum für ihre umfangreiche Sammlung geometrisch-abstrakter Kunst gegründet und im September 2005 eröffnet. Sie fördert mit ihrer Stiftung unter anderem junge Künstlerinnen und Künstler. Ihre Sammlung zählt rund 1.200 Gemälde, Objekte, Skulpturen und graphische Arbeiten.

Einige davon stehen im Garten des Museums. Als die Unternehmerinnen den Tag bei Kaffee und Kuchen ausklingen lassen, haben sie eine seltsame bewegte Skulptur von Timm Ulrichs im Blick. Es trägt den Titel „Die Quadratur des Kreises“. Mal wieder sind es nur einzelne Linien, die in ihrer Bewegung ein magisch-humorvolles Moment tragen und bei denen man sich die Betrachterinnen fragen: „Wie hat der Künstler das nun wieder gemacht?“

Fotos: SPORN.PHOTOGRAPHY – Andreas Sporn