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Orientierung durch Vorbild

Romy Schnelle ist Partnerin beim High-Tech Gründerfonds. Ihr unternehmerisches Mindset und ihre Hands-on-Erfahrung in Unternehmensaufbau, Fundraising und Corporate Finance tragen zur starken Entwicklung des Digitaltech-Portfolios des HTGF bei. In der UNTERNEHMERIN schreibt Schnelle über die Bedeutung von gemischten Investmentmanagement-Teams.

Lange Zeit war mir die Wirkung meines Handelns auf andere – insbesondere Frauen – nicht wirklich bewusst. Einige meiner jüngeren Kolleginnen aus dem VC-Business meinten, dass ich ihr Vorbild sei. Dadurch wurde ich mir der Bedeutung der wenigen Investorinnen für das Ökosystem bewusst. Warum erst dann? Weil ich zu keinem Augenblick in meiner Karriere den Eindruck hatte, nicht gleichberechtigt zu sein.

Beim High-Tech Gründerfonds (HTGF) leben wir Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wir sind davon überzeugt, dass gemischte Investmentmanagement-Teams zu besseren Investmententscheidungen führen. Für den Fonds arbeiten 24 Prozent Investmentmanagerinnen. Unter den acht Partner*innen des Fonds sind vier Frauen. Zuletzt konnten wir Anne Ossenbühl, vormals CFO eines vom PE KKR finanzierten Unternehmens, für uns als CFO gewinnen. Wir wollen Vorbild nach innen und nach außen sein, suchen exzellente Talente für unser Investment- und Fondsmanagement.

Hohe Leistungsbereitschaft und sehr gute Ergebnisse sind entscheidend für Beförderungen und Empfehlungen. Im VC-Bereich ist der Nachweis von exzellentem Investmentmanagement nach dem Portfolioansatz nicht kurzfristig erbracht, sondern nach einem typischen Investmentzyklus im Seed-Bereich frühestens nach sieben Jahren. Aus diesem Grund ist es wichtig, Talente mittel- bis langfristig für den Fonds mit einem attraktiven fondstypischen Incentive-Paket zu binden. Weiterhin unerlässlich sind zeitlich und geografisch flexible Arbeitsmodelle. Arbeiten in Teilzeit sowohl für Mann als auch für Frau sind daher voll akzeptiert. Mobiles Arbeiten gab es schon immer, natürlich jetzt in einer neuen, intensiveren Form.

Beim Blick auf die Gründerszene in Deutschland und exemplarisch das große HTGF-Portfolio von rund 300 aktiven Start-ups wird deutlich, dass es hier eine große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit gibt. Denn auch der HTGF kann seine 24 Prozent Frauen im Investmentbereich nicht auf die weibliche Gründerquote im Portfolio übertragen.

Wir sehen in unserem Portfolio, dass Frauen als Gründerinnen in gemischten Teams stark zur Performance und Wertentwicklung beitragen. Deshalb haben wir unsere Sensorik beim Thema Management Due Diligence in Richtung gemischte Teams im Investmentmanagement noch einmal geschärft. Zudem engagieren wir uns an Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie in entsprechenden Netzwerken und bei Events, um mehr Frauen zur Unternehmensgründung zu bewegen.

Generell ist mein Credo: Wir Frauen können uns alles zutrauen und erreichen. Wichtig sind Stabilität und Flexibilität des direkten privaten und beruflichen Ökosystems, um Karriere und Privates bestmöglich zu vereinen. Große Bedeutung haben Vorbilder und Mentorinnen, von denen es aufgrund des früheren Rollenverständnisses insbesondere in Westdeutschland heute noch viel zu wenige gibt. Zudem liegt in Frauennetzwerken eine enorme Kraft. Ich selbst bin sehr glücklich darüber, Mutter von fast vierjährigen Zwillingen und Partnerin des aktivsten deutschen Seed-Investors zu sein, so ganz nah an Innovation. Beides wird unsere Zukunft bestimmen: die neuen Technologien, die Innovationen und vor allem die Menschen dahinter!

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ZUR PERSON:

ROMY SCHNELLE ist Partnerin beim High-Tech Gründerfonds. Seit 2008 finanziert sie im Digitaltech-Bereich des HTGF Start-ups und hat aus ihrem eigenen Portfolio zehn Unternehmen erfolgreich verkauft. Ihr unternehmerisches Mindset und ihre Hands-on-Erfahrung in Unternehmensaufbau, Business Development/Sales, Fundraising und Corporate Finance tragen zur starken Entwicklung des Digitaltech-Portfolios des HTGF bei. Schnelle verantwortet heute mit ihrem Team rund 30 Investments mit dem Fokus auf D2C, Digital Health, Fintech, AI sowie SaaS. Darüber hinaus ist sie geschätzte Beirätin in Start-ups sowie Chair des Investment Committee der TX Group. Zuvor gründete Romy Schnelle gemeinsam mit dem MP3-Erfinder Prof. Karlheinz Brandenburg das Fraunhofer-Spin-off IOSONO, heute Barco Audio Technologies. Ihre Karriere startete die Diplom-Medienwissenschaftlerin der Technischen Universität Ilmenau im Business Development des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie.

Autorin: Romy Schnelle
Foto: ALFRED-KRAUSS.NET


Diese Kolumne wurde erstmals in der UNTERNEHMERIN (2021/2) veröffentlicht.