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Ministerin Dr. Stefanie Hubig über die Zukunft der Bildung in diesem Land

Im Januar trat Dr. Stefanie Hubig turnusmäßig die Präsidentschaft der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) an. Auf der Agenda der KMK stand damals schon das Thema Digitalisierung, das wenige Wochen später in den Mittelpunkt tagespolitischer Diskussionen rückte.

Frau Dr. Hubig, die Pandemie hat die Probleme des deutschen Bildungssystems – vor allem während der Phase der Schulschließung – drastisch sichtbar gemacht. Ob und wie das Homeschooling oder hybrider Unterricht funktioniert, hängt bis heute hauptsächlich von der Eigeninitiative und Kreativität des Lehrpersonals ab. Warum stockte die Entwicklung digitaler Unterrichtskonzepte in Deutschland so lange, und was muss getan werden, um den Schüler*innen ein Recht auf digitale Bildung zu ermöglichen?
Wahrscheinlich haben wir in Deutschland mit der Digitalisierung später angefangen als anderswo, das will ich gar nicht bestreiten. Aber wir haben einen enormen Sprung nach vorn gemacht und gehen den Weg der Digitalisierung konsequent gemeinsam nach vorn, Bund, Länder und Kommunen. Wenn die Coronapandemie also überhaupt etwas Gutes haben sollte, dann, dass die Digitalisierung unserer Schulen einen richtigen Schub erfahren hat. Als Länder haben wir neben den fünf Milliarden Euro für den Digital­pakt Schule noch einmal 500 Millionen Euro für die Sofortausstattung unserer Schülerinnen und Schüler mit digitalen Endgeräten verhandelt. Diese Gelder sind sehr schnell abgeflossen. In Rheinland-Pfalz sind die 24,1 Millionen Euro, die wir dafür erhalten haben, bereits innerhalb weniger Monate zu 99 Prozent bewilligt. Die Ausstattung ist natürlich nicht alles. Deshalb habe ich mich als KMK-Präsidentin immer wieder dafür eingesetzt, dass die Administration vom Bund mitgefördert wird. Auch dafür haben wir jetzt 500 Millionen Euro erhalten. Dazu kommen dann zusätzlich noch einmal 500 Millionen Euro für Tablets und Laptops für unsere Lehrerinnen und Lehrer. Wir Länder arbeiten mit Hochdruck an der Aus-, Fort- und Weiterbildung unserer Lehrkräfte in diesem Bereich. Und während dieser Pandemie zeigte sich, dass sich viele Lehrkräfte – auch die, die früher vielleicht skeptisch waren – im Bereich Digitalisierung fortgebildet haben.

Den Schul- und Kitabetrieb im Herbst und Winter so lange wie möglich aufrechtzuhalten, ist für die Kinder, Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeber*innen wichtig. Trotz der Erfahrungen aus dem Frühjahr sind viele Schulen nicht ausreichend gut auf den Umgang mit steigenden Coronainfektionen und hybriden Unterricht vorbereitet. Die Gelder des Digitalpakts kommen nur schleppend an den Schulen an. Wie können die Schulen und Kitas besser unterstützt werden?
Unsere Schulen sind weitaus besser vorbereitet als im Frühjahr beim ersten Lockdown. Sie wissen, was zu tun ist, wenn es jetzt aufgrund des Infektionsgeschehens wieder zu einer zeitlich befristeten Schulschließung kommen würde. In Rheinland-Pfalz haben sie dazu zahlreiche Handreichungen unseres Pädagogischen Landesinstituts erhalten. Zum Start der Schule nach dem Lockdown haben wir direkt ein kostenfreies und datenschutzkonformes Videokonferenzsystem zur Verfügung gestellt. Auch die Serverkapazitäten für die Lernplattformen wurden immens nach oben gefahren.

Bei unseren Kitas treffen wir seit Beginn der Pandemie alle Entscheidungen im ständigen Austausch mit den Kitaverantwort­lichen, also den Vertreterinnen und Vertretern der kommunalen, kirchlichen und freien Träger, sowie den Verbänden und Gewerkschaften, den Elternvertretungen und dem zuständigen Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung. Unsere Kitas, unsere Erzieherinnen und Erzieher leisten tolle Arbeit unter völlig veränderten Rahmenbedingungen.

Die Mehrheit der Deutschen spricht sich dafür aus, dass die wichtigsten bildungspolitischen Entscheidungen vom Bund und nicht von den Ländern getroffen werden. Sie befürwortet einen Bildungsstaatsvertrag mit verbindlichen Vorgaben, wünscht sich bessere Vergleichbarkeit von Schülerleistungen zwischen den Bundesländern und deutschlandweit einheitliche Abschlussprüfungen. Vergleichbare und hohe Bildungsstandards sind auch für Unternehmer*innen wichtig. Wie stehen Sie zu diesen Vorschlägen?
Wir haben auf der letzten Sitzung der Kultusministerkonferenz im Oktober dazu historische Beschlüsse gefasst: Alle Länder haben sich für eine Ländervereinbarung sowie für die Einrichtung einer Ständigen Wissenschaftlichen Kommission ausgesprochen. Das sind wegweisende Entscheidungen, die den Bildungsstandort Deutschland nachhaltig stärken werden. Auch wir wissen, dass die Menschen in unserem Land den Wunsch nach mehr Einheitlichkeit in der Bildung haben, und diesem Wunsch sind wir mit dieser Entscheidung nachgekommen. Die Ländervereinbarung bekennt sich ganz klar zu mehr Transparenz, Verlässlichkeit und Vergleichbarkeit. Das betrifft beispielsweise die Abiturprüfungen, aber auch die Bildungs­standards in den anderen Schularten. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission wird alle Länder bei wichtigen bildungspolitischen Fragen unterstützen und beraten. Das sind sehr wichtige Schritte in unserer Bildungspolitik. Gleichzeitig hat sich – insbesondere in den vergangenen zehn Monaten – gezeigt, wie stark unser Bildungsföderalismus ist. Ja, wir alle haben unsere landespolitischen Perspektiven und Besonderheiten, und das ist auch gut so. Bei den Themen, die uns alle gleichermaßen betreffen, arbeiten wir aber eng und gut miteinander. Das ist aus meiner Sicht eine richtig gute Entwicklung, die die KMK in den letzten Jahren gemacht hat.

Verlässliche Angebote und Strukturen für die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und familiärer Sorgearbeit sind entscheidende Treiber für die wirtschaftliche Stärkung von Frauen. Wie steht es um die Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder bis 2025 und den Ausbau der Kitabetreuung in den Randzeiten?
Der Rechtsanspruch kommt, und das ist gut so. Nicht nur, weil wir so gerade auch Kinder mit schwierigen Startbedingungen besser fördern und zu mehr Chancengerechtigkeit beitragen können. Es geht auch um die Frauen und die Familien. Denn noch immer übernehmen Mütter einen Großteil der Betreuungsleistung und können somit weniger arbeiten. Das Ergebnis zeigt sich dann später in Rentenpunkten, aber beispielsweise auch, wenn Ehen geschieden werden. Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ist deshalb nicht nur ganz zentral für die Familienpolitik in unserem Land, er ist es auch für die Frauen- und die Familienpolitik.

Für mich ist deshalb auch ganz klar, dass der Rechtsanspruch finanziell entsprechend unterlegt sein muss. Wir hatten dazu viele Gespräche mit dem Bund, der zu Beginn nur zwei Milliar­den dafür vorgesehen hatte. Die Einführung des Ganztags­anspruchs kostet allerdings 7,5 Milliarden Euro, ist also fast viermal so teuer. Dazu kommen ab 2025 pro Jahr 4,5 Milliarden Euro Betriebskosten. Deshalb haben wir es als Länder begrüßt, dass der Bund im Rahmen des Corona-­Konjunkturpakets mittlerweile weitere 1,5 Milliarden Euro an Investitionsmitteln für den beschleunigten Ganztagsausbau in Aussicht gestellt hat. Aktuell laufen die Gespräche zur Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ebene der Senats- und Staatskanzleien der Länder sowie dem Bundeskanzleramt.

Der VdU engagiert sich vielfältig dafür, mehr Frauen für MINT-Berufe zu begeistern, damit sie zukünftig als gleichberechtigte Gestalterinnen an den vielfältigen digitalen und technischen Entwicklungen mitwirken können. Was kann Politik und was können Unternehmen tun, damit sich mehr Frauen für eine MINT-Karriere entscheiden?
MINT-Berufe sind Zukunftsberufe, die für unsere Gesellschaft existenziell wichtig sind. Und auch ich bin der Überzeugung, dass wir in diesem Bereich viel mehr Frauen brauchen. Deshalb habe ich in Rheinland-Pfalz bereits 2016 eine MINT-Strategie ins Leben gerufen. Ein elementarer Bestandteil davon ist die Förderung von Mädchen und jungen Frauen. Denn: Noch immer wird Mädchen und jungen Frauen auf vielfältige Weise suggeriert, dass MINT-Berufe keine Frauenberufe seien. Das müssen wir ändern. Und deshalb haben wir gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit auch eine Broschüre mit Qualitätskriterien für gendersensible MINT-Projekte herausgegeben. Ziel der Broschüre ist es, den Akteurinnen und Akteuren entlang der Bildungskette wie Kindertagesstätten, Schulen, Hochschulen, Wirtschaftskammern, Kommunen, Bildungsträgern, Stiftungen, Vereinen und Verbänden Handlungsempfehlungen für die geschlechtersensible Planung, Durchführung und Weiterentwicklung von MINT-Projekten zu geben. Und hier setzen wir bewusst ganz früh an, nämlich in den Kitas. Jungen wie Mädchen haben ein großes Interesse an naturwissenschaftlichen Phänomenen. Diese Begeisterung müssen wir nutzen. Hier haben wir in Rheinland-Pfalz vielfältige Projekte etwa mit dem Haus der Kleinen Forscher oder aber auch MINT-Förderung für die Allerkleinsten, die dann konsequent in Grund- und weiterführenden Schulen fortgeführt wird. Dazu gehören Pixi-Bücher zu MINT-Berufen für Kitas, Technik- und Forscherkästen für den Sachunterricht der Grundschule genauso wie Projekte in den Bereichen Naturwissenschaften, Technik und Informatik an weiterführenden Schulen. Wir machen in Rheinland-Pfalz richtig viel MINT erlebbar und sind überzeugt, dass wir über diese vielfältigen Zugangsmöglichkeiten auch mehr Mädchen diese Bereiche schmackhaft machen können.

Frauen, die ein Unternehmen führen, kommen in Schulbüchern allerdings so gut wie nicht vor. In Schule und Ausbildung werden ökonomische Grundkompetenzen kaum vermittelt. Was muss passieren, damit wir mehr Mädchen und junge Frauen dafür begeistern, ihre eigenen Chefinnen zu werden?
Ich glaube, dass wir erstens ökonomische Grundkompetenzen vermitteln müssen. Das tun wir in Rheinland-Pfalz insbesondere in unseren gesellschaftswissenschaftlichen Fächern und in Kooperation mit Schulewirtschaft, einem Netzwerk, das vom Bildungs- und vom Wirtschaftsministerium unterstützt wird. Übrigens machen wir seit Längerem mit einer Richtlinie und einem breiten Angebot an ergänzenden Lernmaterialien und Lehrerfortbildungen die ökonomische Bildung zur Querschnittsaufgabe für alle Fächer an allgemeinbildenden Schulen. In den zahlreichen Schülerfirmen in Rheinland-Pfalz engagieren sich viele Mädchen.

Wir brauchen, zweitens, mehr weibliche Vorbilder in Wirtschaft und Gesellschaft. In der Politik sind wir da zum Glück schon etwas weiter. Hier haben wir beeindruckende Frauen, die Führungsverantwortung haben. In der Wirtschaft haben wir tatsächlich noch einiges aufzuholen. Ich persönlich sehe große Chancen in Mentoring-Programmen. Die Vernetzung zwischen erfolgreichen Frauen, die viel erreicht haben, und jungen Frauen, die ihren Weg noch vor sich haben, kann zu einer richtig guten Sache werden, von der beide Seiten profitieren können. Deshalb kann ich nur allen jungen Frauen sagen: Traut euch etwas zu! Vernetzt euch untereinander und lernt voneinander! Wir brauchen mehr weibliches Führungspersonal. 

Interview: Anke Janetzki

Foto: Peter Bajer

 

Dieses Interview wurde erstmals in der UNTERNEHMERIN (2020/2) veröffentlicht.