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Megatrends der Finanzwelt

Die Finanzdienstleistungsbranche befindet sich im Wandel. Disruptive Geschäftsmodelle, technische Innovationen und eine neue Mündigkeit der Kund*innen bedingen ein Umdenken. 2018 waren sie in den Medien das große Thema – Robo-Advisors. Es war der letzte große Hype in der Finanzszene. Zumindest der letzte, dem so viel öffentliche Aufmerksamkeit zuteilwurde.

Drei Jahre später ist es ruhig geworden um die Algorithmen. Es gibt sie noch, doch sie agieren in friedlicher Koexistenz mit Bank- und Anlageberatern aus Fleisch und Blut. Disruption dürfte anders aussehen, das belegen die Megatrends, die in der Finanzdienstleistungsbranche derzeit die Richtung vorgeben. Alle tragen dazu bei, Themen rund um Bankgeschäfte und Geldanlage neu zu denken, und bedingen sich dabei oft gegenseitig. Gemeinsam besitzen sie das Potenzial, den Umgang mit Kapital von Grund auf zu revolutionieren.

Nachhaltigkeit
Kapital aufbauen und gleichzeitig einen gesellschaftlichen Beitrag für nachfolgende Generationen leisten: Anlagen mit Fokus auf ESG (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) und Nachhaltigkeit verzeichnen ein starkes Wachstum. Auch bei Anlageprodukten, die sich an den Klimazielen der Vereinten Nationen orientieren, nimmt die Nachfrage zu. 2020 betrug die Investitionssumme in nachhaltige Anlagen hierzulande 335,3 Milliarden Euro. Was als vornehmlich auf Aktien ausgerichteter Trend begann, hat sich sukzessive auf viele andere Anlageklassen ausgeweitet. Die Anbieter werben mit Anleihen von Entwicklungsbanken, nachhaltig abgebautem Gold oder nachhaltig zertifizierten Immobilien. Ausgeschlossen werden dagegen einzelne Sektoren wie die Tabak- oder Rüstungsindustrie und große CO2-Emittenten. Zudem konzentrieren sich die Empfehlungen hin zur „Best in Class“-Auslese, bei der im Portfolio nur solche Unternehmen berücksichtigt werden, deren Nachhaltigkeitsziele den allgemeinen EGS-Standard weit übertreffen.

Technologie
Einen neuen Handyvertrag abschließen, ein Auto kaufen, ein Bankkonto eröffnen – das geht heute alles digital. Damit Käufer*innen wie Verkäufer*innen dabei rechtskonform agieren, kommen verschiedene Technologien zum Einsatz, etwa die Videoerkennung per künstlicher Intelligenz (KI) oder die voll automatisierte Identitätsprüfung mit einer Kombination aus KI und Biometrie. Auch die Feststellung des Alters mithilfe eines Algorithmus oder eine rechtswirksame Onlinevertragsunterzeichnung sind in vielen Branchen inzwischen eine Selbstverständlichkeit. Die Hersteller solcher IT-Lösungen haben gut zu tun – und nicht nur in Deutschland. Dass digitale Erkennungstechnologien bei Verkäufer*innen und Bankinstituten sich großer Beliebtheit erfreuen, hat einen einfachen Grund: Seit Einführung dieser Lösungen konnte die Kriminalitätsrate hinsichtlich Betrugsdelikten deutlich gesenkt werden. 

Neobanken
Die Wichtigkeit physischer Präsenz nimmt ab – nicht nur in der Arbeitswelt, auch bei den Bankinstituten. Allein zwischen 2010 und 2020 sank die Anzahl der Bankfilialen in Deutschland um ein Drittel – von 40 276 auf 25 779. Eine Folge des digitalen Wandels: Der Anteil an Onlinebanking-Nutzer*innen beträgt hierzulande 73 Prozent; 64 Prozent dieser Kund*innen wickeln ihre Bankgeschäfte über das Smartphone ab. Ideale Marktvoraussetzungen für Neobanken, auch Challenger-Banken genannt. Knapp 30 dieser Banken sind derzeit in Deutschland aktiv. Und genau wie die Geldinstitute der „Old School“ positionieren sie sich als Problemlöser für unterschiedliche Zielgruppen. So spricht die Neobank Tomorrow nachhaltig interessierte Kund*innen an, Qonto bietet ein Konto speziell für Gründer*innen, und Nuri verfügt über eine Handelsplattform für Kryptowährungen. Mit den vielseitigsten Features wartet derzeit bunq auf – beispielsweise mit einem Travel-Assistenten und einer Aboverwaltung. So viel Service kann allerdings ins Geld gehen: Die Annahme, Neobanken seien auf jeden Fall preisgünstiger als ein Konto bei einer klassischen Bank, stimmt nicht (mehr).

Individualisierung
Ein individueller Sparplan, ganz auf die Lebenssituation angepasst, und ein Portfolio mit handverlesenen Anleihen und Fonds: Die Finanzdienstleistungsbranche hat die Individualisierung entdeckt und gibt den Maßschneider beim Kapitalaufbau. Damit erreicht und bindet sie eine Klientel, die zunehmend mehr Interesse an der ethischen Sinnhaftigkeit von Investitionen hat und sich dementsprechend informiert. Transparenz ist das Wort der Stunde – eine Herausforderung für die Branche, die sich einer neuen Generation mündiger Kund*innen gegenübersieht. Die Zeit der Top-down-Beratung ist vorbei, Berater*innen und Kund*innen begegnen sich auf Augenhöhe. Etablierte Banken und Sparkassen gehen in die Offensive und werben gemeinsam mit ihren Fondsgesellschaften für individualisierte Depots. Und auch die Robo-Advisors melden sich mit dementsprechenden Angeboten bis hin zur Vermögensverwaltung zurück.

Konto und Depot – 2 in 1
Was geschieht, wenn die Trennung zwischen Girokonto und Depot entfällt? Das Berliner Start-up UnitPlus probt den wohl disruptivsten Schritt für die Branche: Kund*innen sollen Waren des täglichen Bedarfs mit ETFs bezahlen – und zwar mit einer gewöhnlichen Debitkarte. In der ersten Finanzierungsrunde im Frühjahr 2021 konnte das Unternehmen rund eine Million Wagniskapital einsammeln, darunter vom ehemaligen N26-Technikchef Christian Rebernik und von Lothar Eckstein, ehemals CEO von Amazon Deutschland. Der Start ist für Ende 2021 geplant; sollte das Beispiel Schule machen, könnte dies einen neuen Umgang mit Kapital für Privatpersonen wie für Unternehmen ermöglichen. Eines ist gewiss: Es bleibt spannend.

Text: Anke Bracht
Foto: Andrew Krasovitckii/Shutterstock


Dieser Artikel wurde erstmals in der UNTERNEHMERIN (2021/2) veröffentlicht.