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„Ich war sechs Jahr alt, als ich zum ersten Mal aufschrieb, dass ich Chefin des Unternehmens werden will.“

Die Heinz-Glas GmbH & Co.KG aA aus Oberfranken gehört zu den zehn ältesten Familienunternehmen Deutschlands und wird in dreizehnter Generation seit 2020 von Carletta Heinz geführt. Als Hidden Champion gehört es zu den Weltmarktführern in der Herstellung und Veredelung von Glasflakons und Verschlüssen für die Parfüm- und Kosmetikindustrie.

Die Glasmachertradition der Familie Heinz reicht bis 1523, die des Unternehmens Heinz-Glas 400 Jahre bis 1622 zurück. Seinen Stammsitz hat das traditionsreiche Familienunternehmen im oberfränkischen Kleintettau, nur wenige Hundert Meter von der thüringischen Grenze entfernt. Bis 2020 leitete Carl-August Heinz, der Vater von Carletta Heinz, 43 Jahre lang die Heinz-Glas Group. Die treibende Kraft hinter dem Einstieg von Carl-August Heinz in das Unternehmen war nicht sein eigener Vater, sondern sein Onkel. „Ich war noch nicht mal eingeschult, da wollte er von mir wissen: Sag mir, machst du es, oder machst du es nicht?“, so Carl-August Heinz. Seine Unternehmensübernahme erfolgte letztlich unerwartet. Statt erste berufliche Erfahrungen außerhalb zu sammeln, musste er mit 27 Jahren über Nacht in die Fußstapfen seines Vaters treten, der überraschend früh verstarb. Die fehlende Unterstützung und Beratung kompensierte er durch die Expertise langjähriger Mitarbeiter. Schon kurz nach dem Antritt der Nachfolge, 1977 forderte eine Ölkrise seine Belastungsfähigkeit heraus. Mit großem Eigeneinsatz und starkem Willen trieb er daraufhin die Internationalisierung der Firma voran, die er mit zwei Standorten in Deutschland übernommen hatte und zu einem globalen Konzern mit 16 Standorten in 12 Ländern machte. Später bereinigte er das Portfolio des Unternehmens und legte den Grundstein für die heutige Spezialisierung als Anbieter von hochwertigem Kosmetikglas.  

Seine Tochter Carletta folgte der Familientradition und trat 2013 in Unternehmen ein. Sie ist in Kronach geboren und in Kleintettau aufgewachsen und nicht zuletzt als Mitglied der freiwilligen Feuerwehr dem Ort eng verbunden. Anders als ihr Vater wurde sie nicht zur Nachfolge gedrängt, wusste jedoch bereits mit sehr jungen Jahren, wohin die Reise mal gehen sollte. 2012 schloss sie ihr Studium zur Diplom-Kauffrau erfolgreich ab und sammelte schon während ihres Studiums erste Erfahrungen als Unternehmerin mit der Gründung eines Start-ups .Auf die regelmäßigen Versuche ihres Vaters ihr den Druck durch konkrete externe Übernahmeangebote zu nehmen reagierte Carletta irritiert. Für sie war klar, dass es hier eine Tradition zu bewahren gilt. Begleitet wurde der Generationswechsel durch einen externen Geschäftsführer, der für die junge Nachfolgerin und ihren Vater zu einem wichtigen Mentor wurde. Zu dritt wurde ein Übergabeprozess ausgearbeitet und geplant. „Wir hatten kein richtiges Konzept auf Papier, aber einen Ablaufplan, der flexibel und situativ immer wieder angepasst wurde“, so die junge Chefin.  

Carletta Heinz lernt in den nächsten Jahren die Abteilungen Controlling, HR und Marketing kennen. Gleichzeitig etabliert sie schon 2014 das Thema Nachhaltigkeit als strategisches Ziel im Unternehmen und gründet eine globale Task Force. „Dieses Thema ist für mich nicht einfach ein Lippenbekenntnis“, erklärt die Nachfolgerin, „unser Unternehmen wird mittlerweile in der dreizehnten Generation geführt. Ohne ein nachhaltiges Wirtschaften wäre das nicht möglich gewesen. Wir produzieren in Deutschland unter strengen Auflagen und weltweit auch ohne diese so effizient wie kaum eine andere Glashütte auf der Welt. Wir haben in Europa in hocheffiziente Elektroschmelzwannen statt der in unserer Branche üblichen mit fossilem Erdgas befeuerten Gasschmelzwannen investiert. Diese Wannen betreiben wir mit Ökostrom, den wir aus erneuerbarer Energie, die in Norwegen ins Netz eingespeist wird, beziehen.“ Auch die Digitalisierung des Betriebes wurde durch Carletta Heinz angestoßen und vorangetrieben. 2017 wurde sie zum Chief Informations Officer einberufen, zwei Jahre später erhielt sie die zusätzliche Verantwortung für alle strategischen Themen und die Unternehmensentwicklung.  

Im Sommer 2020, zu seinem 70. Geburtstag, übergibt der Vater die Leitung an seine Tochter und somit kommt die erste Frau an die Spitze von Heinz-Glas. Auf die Frage, ob Carl-August Heinz gut loslassen konnte, antworten beide einstimmig mit nein. „Wir wollen oft das Gleiche, haben aber unterschiedliche Wege dorthin“, so die Nachfolgerin schmunzelnd, „ich arbeite sehr geordnet und denke gerne in Prozessen. Mein Vater entscheidet hingegen aus dem Bauch heraus.“ Dass es dabei mitunter zu Meinungsverschiedenheiten kommt, damit haben beide gerechnet.  

Was die beiden vereint, ist der Mut, immer wieder Neues zu wagen und Entscheidungen zu treffen, auch wenn diese unpopulär erscheinen. Dazu das Gespür die passenden Menschen zu finden, die mit ihnen durch Ehrgeiz, Fleiß und Ideenreichtum am Erfolg des Unternehmens arbeiten und natürlich die Wahrung der jahrhundertjährigen Tradition. „Ich habe keine Yacht, kein Riesenauto. So sind wir nicht - was zählt ist die Tradition. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich die Heinz-Glas Group in die 14. Generation führen kann“, erzählt Carletta Heinz. 

Dieses Jahr begeht das Traditionsunternehmen sein 400-jähriges Bestehen mit einer großen Feier. „Wir möchten mit dem Festwochenende nicht nur ein Jubiläum feiern, sondern auch ein Zeichen für unsere Mitarbeitenden, die Region und unsere Geschäftspartner*innen setzen, dass wir uns weder durch zwei Jahre Corona Pandemie, noch durch die Energiekrise oder den Krieg in der Ukraine entmutigen lassen und weiter gemeinsam die Zukunft planen und gestalten wollen – getreu dem Vorbild unserer Vorfahren, die sich auch nicht vom 30-jährigen Krieg und den noch vielen folgenden Kriegen und Krisen haben unterkriegen lassen“, so die Geschäftsführerin. Mittlerweile werden rund 2 Millionen Flaschen und Tiegel binnen 24 Stunden an den weltweiten Standorten produziert. Eine Million davon in Deutschland. 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. Das Unternehmen hat 16 Standorte und beschäftigt rund 3.300 Mitarbeiter*innen in Werken in Deutschland, Polen, Peru, Indien und China und erwirtschaftet jährlich einen Umsatz von 330 Millionen Euro. 

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she succeeds award 

Der she succeeds award, die Auszeichnung des Verbands deutscher Unternehmerinnen für die „Unternehmensnachfolgerin des Jahres“, ist der erste und einzige Preis in Deutschland, der weibliche Nachfolgeunternehmerinnen auszeichnet und sie als Vorbilder sichtbar macht. Der VdU kürt damit unter der Schirmherrschaft von Bundeswirtschaftsminister Dr. Robert Habeck außergewöhnliche Frauen, die den mutigen Schritt als familieninterne und externe Nachfolgerinnen gegangen sind. Der Preis soll Unternehmertum auch in der Nachfolge als eine interessante Karriereoption herausstellen.