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Grüner Anlegen

Nachhaltige Geldanlagen boomen seit mehreren Jahren. Denn sie erfüllen gleich zwei Wünsche auf einmal: Sie bieten die Chance auf gute Renditen und das gute Gefühl, mit seinem Geld etwas Sinnvolles zu tun.

Wer in nachhaltige Geldanlagen investiert, berücksichtigt bei der Anlageentscheidung auch ökologische, ethische oder soziale Aspekte. Und fördert so beispielsweise Staaten und Unternehmen, von denen man sich verspricht, dass sie die Welt, in der wir leben, mit ihrem Engagement langfristig zu einem besseren Ort machen. Dabei gibt es nahezu unendlich viele Möglichkeiten, um das Geld sinnvoll anzulegen. Ob beispielsweise Anlagen in erneuerbare Energien oder eine sauberere Mobilität der Zukunft, ob der Verzicht auf Investments in Unternehmen der Rüstungsindustrie oder Geldanlagen in Firmen mit fairen Arbeitsbedingungen – nachhaltige Geldanlagen haben viele Facetten.

DER TREND IST GRÜN

In den vergangenen Jahren ist ihre Bedeutung stetig gewachsen. Allein 2019 stieg das Anlagevolumen nachhaltiger Geldanlagen laut Fachverband Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) um 23 Prozent auf 269,3 Milliarden Euro – allein in Deutschland. Das Geld, das private und institutionelle Anleger*innen in nachhaltige Fonds investierten, nahm sogar um 41 Prozent zu. Und auch wenn man längere Zeiträume betrachtet, zeigt sich der Trend zum grünen Geld: Der Anteil nachhaltiger Investments an allen Geldanlagen hat sich seit 2010 von 0,8 Prozent auf 5,4 Prozent im Jahr 2019 fast versiebenfacht.

Dieses Wachstum ist beeindruckend – vor allem wenn man bedenkt, dass solche Investments vor einigen Jahren oft noch belächelt wurden und eher ein „Öko-Image“ hatten, wie Amela Turkmanovic berichtet. Sie ist Geschäftsführerin des GREEN Family Office, das seine Kunden bereits seit 2010 nachhaltig, ethisch und bankenunabhängig berät. Damals lautete die Kritik, man sei ein wenig weltfremd, wenn man nachhaltig investiere, statt in erster Linie auf maximale Rendite zu setzen. Doch diese Zeiten scheinen in jeder Hinsicht vorbei zu sein – nicht erst seitdem der Klimawandel durch Greta Thunberg und „Fridays for Future“ medial deutlich präsenter wurde.

RENDITE? JA BITTE!

Denn nachhaltige Geldanlagen sind nicht nur gut für das Gewissen der Anleger*innen, sondern auch für ihr Portemonnaie. Wie das „Handelsblatt“ Anfang 2020 berichtete, bieten nachhaltige Fonds eine bessere Performance als ihre konventionellen Alternativen: In den vergangenen zehn Jahren habe der Vorsprung durchschnittlich 0,5 Prozentpunkte im Jahr betragen. Tendenz steigend – 2019 lag die Rendite sogar um stolze 3,1 Prozentpunkte über Fonds, die nicht nachhaltig investieren. Auch die Coronakrise haben die nachhaltig aufgestellten Unternehmen erfolgreicher bewältigt, wie Amela Turkmanovic ausführt: „Nachhaltige Unternehmen performen jetzt besser und haben in der Krise weniger verloren. Denn sie haben ihre Risiken im Griff.“ Die guten Renditen bei geringerem Risiko führen ihrer Meinung nach bei nachhaltigen Anlagen zu einer weiter steigenden Nachfrage. Und das sorge wiederum für steigende Kurse. Die Geschäftsführerin des GREEN Family Office weiter: „Von solchen Geldanlagen profitieren alle: die Gesellschaft, die Umwelt und die Anleger*innen. Das ist eine klassische Win-win-Situation.“

ÖKOLOGISCH, SOZIAL UND ETHISCH

Aber was genau sind nachhaltige Geldanlagen überhaupt? Klassische Investments werden nach drei Kriterien ausgewählt: Rentabilität, Liquidität und Sicherheit. Bei nachhaltigen Geldanlagen fließen nach der Definition des FNG zusätzlich ökologische, soziale und ethische Aspekte in die Anlageentscheidung ein. Hier geht es darum, die sogenannten ESG-Kriterien zu berücksichtigen. ESG steht für Environmental, Social und Governance, also für Umwelt, Soziales und verantwortliche Unternehmensführung.

Doch ob eine einzelne konkrete Anlage wirklich dazugehört, lässt sich im Detail oft gar nicht leicht erkennen. So ist es beispielsweise umstritten, wie Investitionen in die Kohleindustrie zu bewerten sind. Der naheliegende Gedanke ist, die gesamte Branche bei nachhaltigen Geldanlagen auszuschließen. Kritiker*innen eines solchen Ansatzes geben zu bedenken, es könne sinnvoll sein, in Unternehmen mit besonders niedrigen oder stark sinkenden CO2-Emissionen zu investieren, um so Innovationen zu fördern.

Orientierung bei der Anlageentscheidung geben Nachhaltigkeitssiegel und -rankings. Am weitesten verbreitet ist das FNG-Siegel, das seit 2015 vergeben wird. Der Fachverband zeichnet allerdings nur Investmentfonds aus – und ist also keine Hilfe für Anleger*innen, die in einzelne Aktien oder Staatsanleihen investieren wollen. Ein weiteres Problem: Bei den unterschiedlichen Siegeln und Rankings gelten unterschiedliche Regeln dafür, wann eine Geldanlage als nachhaltig gilt. So belegt der Elektroautohersteller Tesla beim MSCI-Nachhaltigkeitsranking einen Spitzenplatz, während er beim ESG-Rating des Indexanbieters FTSE auf den hinteren Rängen zu finden ist.

WELCHE ANLAGESTRATEGIE IST DIE RICHTIGE?

Um die nachhaltige Geldanlage zu finden, die zu den eigenen Vorstellungen passt, kann man grundsätzlich auf zwei verschiedene Anlagestrategien setzen: positives und negatives Screening. Zu ersterer zählt der Best-in-Class-Ansatz, bei dem in die besten Unternehmen einer Branche investiert wird. ESG-Kriterien dafür können unter anderem ein effizienter Ressourcenverbrauch, umfassende Mitarbeiter*innenschulungen oder Maßnahmen gegen Diskriminierung sein. Beim negativen Screening werden dagegen Unternehmen oder ganze Branchen von der Investition ausgeschlossen.

Hier unterscheidet das FNG zum einen nach einem ethisch basierten Ausschluss, bei dem zum Beispiel Waffen- oder Tabakproduzent*innen nicht infrage kommen, und zum anderen nach normbasierten Ausschlüssen. Bei diesen werden Unternehmen ausgeklammert, die bestimmte internationale Standards nicht einhalten, etwa den Global Compact der Vereinten Nationen, die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen oder die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO.

Laut FNG-Marktbericht 2020 wenden nachhaltige Fonds und Mandate in Deutschland in 99 Prozent der Fälle ethische Ausschlusskriterien an. Die drei wichtigsten lauten vom Anlagevolumen her: Korruption und Bestechung, Arbeitsrechtsverletzungen und Umweltzerstörung. Bei 95 Prozent des Anlagevolumens wird zusätzlich auf normbasiertes Screening gesetzt. Am häufigsten ist dabei die Prüfung der Unternehmen nach Konformität mit dem UN Global Compact.

WIE ALLES BEGANN

Nachhaltige Geldanlagen und Ausschlusskriterien sind kein Phänomen unserer Zeit, sondern schon wesentlich älter. Mitte des 18. Jahrhunderts predigten religiöse Gemeinschaften, dass man verantwortungsvoll mit seinem Geld umgehen solle. So setzten die Quäker*innen 1768 in Philadelphia auf negatives Screening, als sie beschlossen, ihr investiertes Geld aus Sklav*innenhandelsunternehmen abzuziehen. Und schon acht Jahre zuvor hatte John Wesley seine Predigt „Vom rechten Gebrauch des Geldes“ veröffentlicht. Der Gründer der methodistischen Kirche fordert darin, man solle mit seinem Geld Gewinn erzielen – aber nur, wenn dies dem eigenen Gewissen nicht widerspreche. Teil der Predigt war die weltweit erste Liste mit Ausschlusskriterien für Geldanlagen: Geschäfte und Investitionen seien zu unterlassen, wenn dabei Gesetze gebrochen würden oder jemand betrogen, verletzt, die Gesundheit etwa durch Alkohol oder die Seele durch „Zügellosigkeit“ gefährdet werde. In unsere Zeiten übersetzt, lauteten Wesleys Ausschlusskriterien für Investitionen also Korruption, Waffenhandel, Schnapsproduktion und Pornografie.

WIE GRÜN WIRD DIE ZUKUNFT?

Die Zukunft für grüne Investments scheint rosig auszusehen: Der Markt wächst seit Jahren, auch die Renditen sind positiv. Und 2021 wird es einen weiteren Turbo geben: Die EU plant, dass Anlageberater*innen ihre Kund*innen ab dem nächsten Jahr nach ihren Präferenzen in puncto Nachhaltigkeit fragen müssen. Die Nachhaltigkeitsexpertin Amela Turkmanovic begrüßt diese Entwicklung: „Das wird den grünen Investments noch einmal Rückenwind geben. Die Zukunft der nachhaltigen Geldanlagen sehe ich rundum positiv. Und das ist gut so.“

Text: Christian von Jakusch-Gostomski

Foto: Marilena Schaffstein

 

Dieser Artikel wurde erstmals in der UNTERNEHMERIN (2020/1) veröffentlicht.