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„Für ein Familienunternehmen ist es wichtig, weitblickend die Nachfolge zu regeln. In diesem besonderen Fall habe ich mich für eine Patchwork-Familienunternehmensnachfolge entschieden.“

Tandem als Nachfolgestrategie: Gottfried Härle und seine Nachfolgerin Esther Straub verbinden nicht nur gemeinsame Werte, sondern auch eine kooperative Zusammenarbeit. Seit 2016 führen die beiden als eingespieltes Team die Brauerei Clemens Härle in die Zukunft.

Den Grundstein für die Härle-Brau-Tradition legte Clemens Härle, nach dem die Brauerei benannt ist, Ende des 19. Jahrhunderts. Knapp ein Jahrhundert später übernimmt sein Urenkel in vierter Generation den traditionsreichen Allgäuer Betrieb in Leutkirch. Die Fortführung der Tradition und Grundwerte liegt ihm dabei besonders am Herzen. „Bewährtes sorgsam pflegen, mit Weitsicht planen und die Offenheit für Neues hat das Familienunternehmen über Jahrzehnte hinweg zu einer der erfolgreichsten Brauereien in Oberschwaben und um Allgäu aufsteigen lassen“, so Gottfried Härle.  

Dieses Erbe wird nun Esther Straub fortsetzen, die seit 2016 als Co-Geschäftsführerin zusammen mit Gottfried Härle die Brauerei in die Zukunft führt. Der Alt-Inhaber lernte seine Nachfolgerin bereits im Kindesalter in der Nachbarschaft kennen. Mit Esther Straubs Familie und ihr persönlich verbindet ihn und seine Frau seither eine sehr enge Freundschaft. Die junge Frau entwickelte bereits in der Schulzeit das Interesse an der Brauerei, auf Messen oder Veranstaltungen auszuhelfen. Zwischen ihrem Abitur und dem Studium sammelte sie dann erste wichtige Erfahrungen als Wirtin und nutzte die Zeit zwischen dem Bachelor- und dem Masterstudium, um die tägliche Arbeit in der Brauerei kennenzulernen. „Schon damals“, so Esther Straub, „bezog mich Gottfried in Fragen rund um Marketing, Strategie und Personal mit ein und vermochte so das Band ganz ohne Druck zu stärken“. Kurz vor dem Start ihres Masters in Staatswissenschaften traf sie dann die Entscheidung, das Unternehmen zu übernehmen und antwortete auf die nie direkt gestellte Frage mit „ja“. Für den Alt-Inhaber Gottfried Härle war Esther Straubs Entscheidung, in seine Fußstapfen zu treten, ein großes Geschenk.

Seit nun mehr bald fünf Jahren teilen sich die beiden die Geschäftsführung der Brauerei. Auf Gottfried Härles Anraten hin absolvierte Esther Straub einen berufsbegleitenden Master im Studiengang „Master für Family Entrepreneurship“ an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen und etablierte wie selbstverständlich den Begriff Patchwork-Familienunternehmen. Sehr zur Freude von Gottfried Härle: „Es gibt Patchworkfamilien und es gibt Patchwork-Familienunternehmen. Was vielleicht dagegensprechen könnte, ist die fehlende Blutsverwandtschaft. Diese ist jedoch nicht entscheidend, ob ein Unternehmen erfolgreich in die Zukunft geführt wird oder nicht. Wichtig ist es, dass es erfolgreich geführt wird. Und dass die Voraussetzungen dafür gegeben sind.“

Vor dem Hintergrund seiner persönlichen Erfahrungen als damaliger Nachfolger und Juniorchef war es Gottfried wichtig, Esther Straub auf direktem Wege in die Geschäftsführung einzubinden und ihr die Gesamtverantwortung für strategisch wichtige Bereiche wie Personalmanagement und Marketing zu übergeben. Esther Straub sieht die Teilung der Geschäftsführung sehr positiv: „Zwei Menschen sind oft cleverer als einer, das muss man dann auch einfach akzeptieren und das finde ich total schön. Die Kombination aus Erfahrung und dem Wagemut von Gottfried, den er definitiv noch hat und immer schon hatte sowie meine andere Perspektive, die vieles anders sieht und anders macht. Das passt auch einfach.“

Was Gottfried Härle an Esther Straub sehr schätzt, ist, dass sie sich nicht nur mit seiner Grundhaltung und Herangehensweise, sondern auch mit den Werten der Brauerei identifizieren kann: „Esther Straub teilt und lebt aus voller Überzeugung die Werte, die unsere Brauerei bereits seit Jahrzehnten auszeichnen: Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit, Verantwortung für Umwelt und Natur, Tradition und Innovationsgeist, Verantwortung für unsere Mitarbeiter und für unsere Heimatregion“. Seine zukünftige Nachfolgerin ist hingegen glücklich, dass Gottfried Härle offen für neue Dinge, neue Ansätze und neue Impulse ist. „Dabei“, so Esther Straub, „gibt er sein Wissen gerne weiter, spielt alle Ideen offen durch und lässt mich an seiner Erfahrung teilhaben.“ 

Jene Grundhaltung spiegelt sich auch in Gottfried Härles Engagement für Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung. Bereits vor seiner Zeit als Geschäftsführer gehörte er zu den führenden Köpfen der süddeutschen Friedens- und Umweltbewegung und ist seinen Idealen treu geblieben. Die Brauerei in Leutkirch wirtschaftet klimaneutral und ist dafür mehrfach mit Preisen ausgezeichnet worden. Sie fungiert als Vorreiter in Sachen Ökologie, Nachhaltigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung. „Für mich war schon immer klar, meine Verantwortung will ich nicht an der Firmen-Garderobe abgeben. Wenn ich als Person überzeugt den Müll trenne oder Energie einspare oder mich sonst ökologisch sinnvoll verhalte, dann muss und will ich das auch im Betrieb tun“, so Gottfried Härle. Für ihn ist es deshalb selbstverständlich, dass er auf nachhaltige und regional angebaute Produkte setzt, eng mit lokalen Akteur*innen zusammenarbeitet und somit zu einem gesunden ökologischen Wirtschaftssystem beiträgt.

 

Gottfried Härle, Wegbereiter des Jahres, she succeeds award 2021

Brauerei Clemens Härle KG

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she succeeds award

Der she succeeds award, die Auszeichnung des Verbands deutscher Unternehmerinnen für die „Unternehmensnachfolgerin des Jahres“, ist der erste und einzige Preis in Deutschland, der weibliche Nachfolgeunternehmerinnen auszeichnet und sie als Vorbilder sichtbar macht.

Im Rahmen des vom Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie seit Januar 2021 geförderten Modellprojekts „she succeeds – Mehr weibliche Nachfolge!“ wird der she succeeds award nun erstmals um eine neue Kategorie erweitert und prämiert den oder die „Wegbereiter*in des Jahres“. Damit zeichnet der VdU Alt-Inhaberinnen und Alt-Inhaber aus, die mit einem ausgeklügelten Übergabekonzept, einem vorausschauenden Zeitplan und der intensiven Einarbeitung der Nachfolgerin zu einer erfolgreichen Unternehmensübergabe beigetragen haben. Denn im wirtschaftspolitischen Interesse liegt es, eine Erosion der mittelständischen Unternehmen zu verhindern, Beschäftigung und Ausbildung zu sichern und die Wettbewerbsfähigkeit der betroffenen Betriebe zu erhalten.