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Frauen finanzieren Frauen

Stephanie Bschorr, Dr. Annika von Mutius, Dr. Larissa Leitner, Bettine Schmitz, Nina Hartmann, Ina Schlie und Samuli Sirén (von links)

Fest steht: Weibliche und divers geführte Start-ups brauchen mehr Zugang zu Kapital. Nur vier Prozent der Start-ups werden von rein weiblichen Gründerteams, nur zehn Prozent von Frauen und Männern in diversen Teams gegründet. Doch der Anfang ist gemacht: Immer mehr Investorinnen engagieren sich.

Fast jeder kennt die Fernsehshow „Die Höhle der Löwen“, in der seit sieben Jahren Gründer*innen ihre Geschäftsideen vorstellen und Investor*innen für eine Beteiligung an ihrem Start-up begeistern wollen. Ende September dieses Jahres ist nun eine Art weibliches Pendant an den Start gegangen: „Create F“. In der von der Regisseurin und Unternehmerin Franziska Pohlmann initiierten „Female Founders Show“, die auf YouTube zu sehen ist, werden regelmäßig weibliche Gründerteams bei ihrem Unternehmensaufbau begleitet. Pohlmanns Intention: Sie will Vorbilder und deren Visionen und Wege zeigen, damit Gründen auch für Frauen ein selbstverständlicher Karriereweg wird.

Das neue Medienformat zeigt: Es tut sich etwas in der Gründerinnenszene. Frauen, die Start-ups aufbauen oder aufbauen wollen, bekommen mehr und mehr Zuspruch und Unterstützung. Dabei ist die Show nur ein Beispiel dafür, dass weiblichen und diversen Gründungsteams mehr Aufmerksamkeit gezollt wird. In der jüngsten Vergangenheit sind Vereine, Unternehmen und Netzwerke entstanden, die Gründerinnen in den Fokus stellen. Auch ihnen geht es darum, Role Models zu präsentieren, um Nachahmerinnen zu animieren. Aber sie tun mehr: Sie unterstützen weibliche Entrepreneure mit Wissen und Kapital und helfen somit pragmatisch, mit der Selbstständigkeit anzufangen beziehungsweise dranzubleiben. Zu nennen sind etwa die Auxxo Beteiligungen GmbH und ihr Netzwerk Evangelistas, seit rund zweieinhalb Jahren am Start. Oder das Investorinnen-Netzwerk des VdU, das, angeregt durch eine Delegationsreise ins Silicon Valley, auf Initiative der Unternehmerinnen Cornelia Jahnel, Dr. Andrea Reichert-Clauß und Tatjana Utz-Erhardt entstanden ist. Investorinnen, Business Angels, Unternehmerinnen und Investment-Interessierte innerhalb und außerhalb des Verbands haben sich mit dem Ziel zusammengeschlossen, mehr unternehmerisch tätige Frauen zu motivieren und sie dabei zu unterstützen, den Weg von der Unternehmerin zur Investorin zu gehen, indem sie ihnen einen Zugang zum Investment-Ökosystem geben. Dabei wird die Risikobereitschaft gestärkt, Know-how vermittelt und Austausch mit anderen Investorinnen ermöglicht.

Außerdem gibt es den Grace Accelerator sowie den erst im Juni dieses Jahres ins Leben gerufenen encourageventures e. V. Dieser Verein hat einen imposanten Start hingelegt. „Bereits 100 Tage nach dem Launch wurden 20 divers geführte Start-ups durch Investments, Mentoring und Sponsoring unterstützt“, sagt Gründungsmitglied Ina Schlie. „300 Investorinnen sind dem Verein beigetreten, 240 Start-ups haben sich auf der Plattform registriert, mehrere Pitch-Nights wurden veranstaltet.“ Und das ist erst der Anfang. Das Netzwerk wächst von Tag zu Tag.

Warum braucht es im Jahre 2021 solche Initiativen? „Weil wir in Deutschland die Rollenklischees noch lange nicht überwunden haben“, sagt Nina Hartmann, zweifache Unternehmerin und Vorsitzende des VdU-Landesverbands Baden. Nur vier Prozent der Start-ups werden von rein weiblichen Gründerteams, nur zehn Prozent von Frauen und Männern in diversen Teams gegründet. Weitere erschreckende Zahlen und Fakten: „Nur 1,6 Prozent des ausgegebenen Risikokapitals fließt an Frauen. Nur drei Prozent aller Investor*innen sind weiblich“, sagt Stephanie Bschorr, Geschäftsführerin der HTG Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft und ehemalige VdU-Präsidentin. Das eine hat selbstverständlich mit dem anderen zu tun: Männer investieren in Männer. 

Das liegt nicht zwangsläufig daran, dass Männer Frauen gegenüber Vorurteile hätten, wenngleich man den „Unconscious Bias“ nicht unterschätzen darf, also die unbewussten, tief verwurzelten Denkmuster in Stereotypen, die dazu führen, dass gleiche Geschäftsideen unterschiedlich bewertet werden, wenn sie von einem Mann oder von einer Frau kommen. Doch es gibt noch andere Gründe. Samuli Sirén zum Beispiel, Geschäftsführer der Redstone Digital GmbH in Berlin, sagt, dass er seine – derzeit gut 60 – Beteiligungen unabhängig vom Geschlecht rein danach aussuche, ob sie aussichtsreich erscheinen. Die häufige Bevorzugung männlicher Start-ups erklärt Sirén so: „Ich selbst bin techbegeistert, also haben Techgründer und -gründerinnen grundsätzlich sehr gute Chancen, mit Kapital ausgestattet zu werden.“ Es würden aber viel mehr männliche Techgründer vorstellig als weibliche. Frauen gründen häufig, anders als Männer, mit langfristigen Wachstumszielen oder gemeinwohlorientiertem Unternehmenszweck – und bedienen damit nicht die Kriterien der Investor*innen und Venturecapitals, denen es meist um schnelles Wachstum geht.

Somit entsteht ein Ungleichgewicht, das als solches nicht beabsichtigt ist. Denn Investor*innen richten den Fokus aktuell auf technische und digitale Start-ups, mit denen sie sich am ehesten identifizieren, auf Gründer*innen, die Lösungen für Probleme anbieten, die sie kennen. Die Offenheit für andere Branchen und Ansätze sowie für andere Zielgruppen fehlt bei der Mehrheit der bestehenden Investor*innen. Die Lösung kann daher ein diverses Investoren-Ökosystem sein.

Gründerinnen werden zudem von potenziellen Investor*innen mit anderen Fragen konfrontiert als männliche Gründer. Diese erhalten meist die Möglichkeit, über ihre Visionen für die Zukunft zu sprechen – Frauen sollen dagegen häufiger Auskunft zum aktuellen Kundenstamm geben und konkrete Finanzprognosen liefern.

Fest steht: Unternehmerinnen brauchen mehr Zugang zu Startkapital. Und dieser Zugang ist einfacher, wenn sich alle Verhandelnden ihres Unconscious Bias bewusst werden und sich Investor*innen für andere Geschäftsideen öffnen. Deshalb betonen die Investorinnen, dass sie nicht ausschließlich weibliche Gründerteams ansprechen, sondern explizit diverse. „Es wäre falsch zu behaupten, dass Frauen alles besser machen“, sagt Hartmann. „Ich glaube an gemischte Teams.“ Die Zielgruppe der Firmen sei doch auch divers. Selbstverständlich sind rein weibliche Start-ups ebenfalls willkommen, zum Beispiel Empion, Anfang 2021 von Dr. Larissa Leitner und Dr. Annika von Mutius gegründet. Empion ist eine Plattform für Unternehmenskultur, die den Mittelstand als attraktiven Arbeitgeber sichtbar macht und ihm so Fachkräfte zuführt. Die beiden Frauen sprechen zwar für die bevorstehende Finanzierungsrunde auch mit anderen Investor*innen, fühlen sich bei encourageventures aber besonders gut aufgehoben. „Die Investorinnen prüfen die Zahlen genau und kritisch“, sagt von Mutius. „Aber die Atmosphäre ist besonders persönlich.“ Als sehr wertvoll erachtet die Betriebswirtin auch das Eingebundensein in ein großes Netzwerk. Die Gründerinnen profitieren etwa vom Mentoring-Programm. „Die Unterstützung bringt uns inhaltlich deutlich weiter“, sagt die 28-Jährige.

Hartmann bestätigt die Wichtigkeit von Netzwerken und Mentoring. Sie fungiert daher selbst, unter anderem bei Empion, als Mentorin. Das bringe ihr viel: „Man sieht, wie viel man weiß und wie viel man Jüngeren mitgeben kann.“ Sie unterstützt die Empion-Macherinnen auch deshalb, weil diese sich auf mittelständische Firmen konzentrieren und Hartmann durch das elterliche Unternehmen „Mittelstand mit der Muttermilch aufgesogen“ habe.

Auch Bschorr, ebenfalls Mentorin, sagt, dass „jede dort eine gute Mentorin ist, wo sie herkommt“. Sie als Rechtsanwältin kann bei der Ausarbeitung von Verträgen fundiert unterstützen. Als „Unternehmerin aus Leidenschaft“ ist sie aber auch eine hochkarätige Motivatorin, plädiert für mehr Selbstbewusstsein. „Ihr könnt alles schaffen, was die Kerle schaffen“, sagt sie. Ihr Plädoyer für Biss und Tatkraft geht allerdings auch in Richtung potenzielle Mentorinnen und Investorinnen: Jede Frau mit Wissen kann sich in die Netzwerke einbringen und damit zu einer lebendigeren Gründerkultur beitragen. Je mehr Frauen sich anschließen, desto besser. Noch besser ist es, die Frauen bringen ein bisschen Kapital mit. Denn es fehlen Geldgeberinnen. Sie müssen ja nicht gleich mit größten Summen einsteigen. Ab rund 10 000 oder 20 000 Euro können sie, etwa durch Club Deals, investieren. Laut Schlie gibt es etliche Frauen, die investieren wollen, aber keinen Zugang zu Start-ups haben. Die Netzwerke und Plattformen sind eine perfekte Anlaufstelle für weibliche Business Angels.

Zusätzlich ist es wichtig, dass die weiblichen und diversen Start-ups auch an die ganzen großen Beträge herankommen – und dass sie dabei nicht auf Investor*innen aus Übersee angewiesen sind. Europäische Investorinnen sind hier gefragt. Das Gute ist: Auch dorthin sind die Weichen gestellt. So baut encourageventures unabhängig vom Verein gemeinsam mit weiteren Expertinnen einen mindestens 200 Millionen Euro schweren All-Female-Growth-Fonds auf. Die Konzeptionierung ist weit fortgeschritten, Gespräche mit Großinvestorinnen sind laut Schlie im Gange.

Die drei Auxxo-Initiatorinnen sind da schon etwas weiter. Bereits Ende vorigen Jahres hatten sie die Idee, diversen Gründerteams den Zugang zu Risikokapital zu erleichtern. Mittlerweile hat der Auxxo Female Catalyst Fund die ersten Gründungen als Co-Investor finanziert. Etwa 25 Start-ups sollen es in den nächsten rund zwei Jahren werden. Mit-Geschäftsführerin Bettine Schmitz sagt: „Venturecapital ist ein Hochrisiko­investment, eine große Wette.“ Aber mit dem Fokus auf Diversity habe der Fonds ein Alleinstellungsmerkmal mit hohem Potenzial. „Diversity ist ein Erfolgsfaktor“, sagt Schmitz. Viele namhafte Investorinnen seien davon ebenfalls überzeugt und deshalb bereits an Bord. Sie glauben an die Innovationen der Gründerinnen. Und somit auch an hohe Renditen.

Text: Sabine Hölper
Fotos: Manu Wolf, Empion, Patrycia Lukas, Marcus Jurschitza, Markus Winter/ Faktenhaus, Christian H. Hasselbusch

Dieser Artikel wurde erstmals in der UNTERNEHMERIN (2021/2) veröffentlicht.