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Es tut sich was!

Seit ihrem Abschied aus der aktiven Politik ist Brigitte Zypries, Bundesministerin a.D., als Angel-Investorin tätig. In der aktuellen Unternehmerin spricht Zypries über Maßnahmen für mehr Gründerinnen, weibliches Unternehmertum und Investorinnen – und was die neue Bundesregierung dafür tun sollte.

Frau Zypries, viele kleine und mittelständische Unternehmer*innen beobachten eine mangelnde Wertschätzung für das Unternehmertum in Gesellschaft und Politik und sehen darin auch einen Grund für die geringe Bereitschaft junger Menschen, zu gründen, sich selbstständig zu machen oder die Nachfolge in einem Unternehmen anzutreten. Was muss die neue Bundesregierung konkret tun, um Unternehmertum – insbesondere weibliches Unternehmertum – zu stärken?

Ich kann nicht bestätigen, dass die Politik die kleinen und mittleren Unternehmerinnen und Unternehmer nicht wertschätzt. Im Gegenteil: Wir wissen, dass die etwa 3,5 Millionen Unternehmen in Deutschland, die zu den KMU zählen, etwa 99 Prozent aller Unternehmen in Deutschland ausmachen. Die KMU sind also der weitaus größte Teil der Unternehmen in Deutschland, die auch vielfältig von Bund und Ländern gefördert und unterstützt werden.

Aber wir wissen natürlich auch, dass das Unternehmertum in Deutschland traditionell keinen sehr guten Stand hat. Viele Eltern wollen ihre Kinder lieber im Staatsdienst sehen, viele attraktive Arbeitgeber werben mit guten Gehältern, geregelter Arbeitszeit und mehreren Wochen Ferien um Studienabgänger*innen. Deutschland ist ein sogenannter Angestelltenmarkt, die Gründerkultur nicht ausgeprägt. Das ändert sich seit einigen Jahren, beflügelt von den Gründungserfolgen aus dem Silicon Valley. Insbesondere rund um die technischen Universitäten hat sich eine lebendige Gründer*innenszene entwickelt, der Bundesverband Deutsche Startups vertritt seit sechs Jahren die Interessen der Start-ups gegenüber der Politik, und auch die Finanzierung von Start-ups ist in Deutschland dank der Niedrigzinsphase besser geworden. Die Bundesregierung hat mit dem „Exist“-Gründerstipendium schon lange eine viel genutzte Hilfe geschaffen und fördert weiter entwickelte Start-ups jetzt auch über die KfW.

Der „Deutsche Startup Monitor“ 2021 hat gezeigt: 65 Prozent der Gründer*innen bewerten das Start-up-Ökosystem an ihrem Standort als gut oder sehr gut, und 65 Prozent der Start-ups arbeiten mittlerweile mit etablierten Unternehmen zusammen. Nur wenig gute Nachrichten gibt es im Hinblick auf den Frauenanteil: Der Anteil der Gründerinnen hat zwar im Vergleich zum Vorjahr stärker zugenommen als in den vorherigen Jahren, nämlich von 15,9 auf 17,7 Prozent, Frauen bleiben im Start-up-Ökosystem aber weiterhin deutlich unterrepräsentiert.

Hier liegt eine der großen Aufgaben der neuen Bundesregierung. Sowohl bei der Übernahme von Unternehmen als auch bei den Gründungen müssen Frauen stärker unterstützt und ermutigt werden. Das kann beispielsweise durch gezielte Beratung und durch Frauen vorbehaltene Förderprogramme gelingen. Wichtig ist, dass die Motivation schon in der Schule beginnt, denn wir müssen ja das Mindset ändern. Der Deutsche Gründerpreis für Schülerinnen und Schüler ist ein gutes Vorbild – es kann gar nicht genug Institutionen geben, die einen Preis für Gründungen ausloben!

Dass diverse Unternehmensführungen erfolgreicher sind als ausschließlich männlich besetzte, ist bekannt. Warum kommen im Jahr 2021 trotzdem noch Gründerinnen und Unternehmerinnen schwieriger an Finanzierungen, egal ob klassische Hausbankkredite oder Wagniskapital?

Ich denke, das liegt daran, dass die Entscheider sowohl bei den Hausbanken als auch bei den Venturecapitalists in aller Regel männlich sind. Es ist deshalb notwendig, dass sowohl der und als auch private Finanzierer ihr Bewusstsein schärfen und sich entsprechend der statistischen Erkenntnis, dass Unternehmen von Frauen weniger oft scheitern, verhalten. Zum Glück gibt es ja schon einige Investoren, die ausdrücklich erklärt haben, dass sie nur noch in divers aufgestellte Teams investieren. Der Bund sollte meines Erachtens ein Förderprogramm speziell für Frauen auflegen. Gut ist, dass sich mit encourageventures und Auxxo jetzt die ersten großen Fonds von Frauen für Frauen gegründet haben, die zudem Mentoring für Frauen anbieten. Es tut sich also was!

Viele Investor*innen führen als Begründung an, dass es zu wenige Gründerinnen gebe und sie daher einfach ungewollt in männliche Gründungsteams investierten. Was entgegnen Sie, und was müssen Investor*innen, Venturecapital-Gesellschaften und Hausbanken ändern, um mehr Diversität in der Unternehmenswelt zu erreichen?

Es stimmt leider, dass es zu wenig Gründerinnen gibt. Deshalb bleibt für Politik, Verbände wie den VdU und viele andere die Aufgabe bestehen, Frauen zum Gründen zu motivieren und Männern zu verdeutlichen, dass sie erfolgreicher sein werden, wenn sie Frauen in ihrem Gründungsteam haben. Möglichkeiten zur Vernetzung gibt es genug. So sind beispielsweise männliche Gründer bei herCAREER eingeladen, um eine Mitgründerin zu pitchen, auf CURAZE finden sich zahlreiche Gesuche um Mitgründerinnen, und viele weitere Vernetzungsmöglichkeiten findet „Mann“ im Internet. Für Investoren gilt: Investieren Sie besser in ein divers aufgestelltes Team, es wird erfolgreicher sein. Die öffentliche Hand sollte dafür verbindliche Vorgaben aufstellen.

Welche Chance sehen Sie in Investorinnen-Netzwerken? An einigen sind Sie selbst beteiligt, zum Beispiel an unserem VdU Investorinnen-Netzwerk. Investieren Frauen anders?

Investorinnen-Netzwerke machen erstens Spaß und sind zweitens – hoffentlich – erfolgreich. Frauen achten natürlich auf ein erfolgversprechendes Geschäftsmodell. Aber ich meine, sie schauen anders auf den Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit und die Einhaltung der 17 Ziele der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung. Sie akzeptieren viel eher ein agiles Arbeitsumfeld und sind bereit, dem Bedürfnis nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf Rechnung zu tragen. Damit können die Unternehmen gute Mitarbeitende halten – denn das Gehalt allein ist heute bekanntlich nicht mehr ausreichend, um Mitarbeiter*innen zu binden. Ein Investment in solche Firmen sollte sich also lohnen!

Es wurde in den vergangenen Jahren auch zunehmend über die Vorbildfunktion des Staats beim Zugang zu Kapital für Gründerinnen und Unternehmerinnen diskutiert. Welche konkreten Maßnahmen kann und muss der Staat ergreifen, damit sie einfacher an Finanzierungen kommen? 

Ich halte es für erforderlich, dass spezielle Programme für Gründerinnen aufgelegt werden. Damit erleichtert man ihnen zum einen den Zugang zu Kapital, zum anderen motiviert man sie, überhaupt zu gründen.

Welche weiteren Themen sollten aus Ihrer Sicht in der nächsten Legislaturperiode angegangen oder weiter vorangetrieben werden, um KMU dabei zu unterstützen, die enormen Transformationsprozesse durch Dekarbonisierung, Digitalisierung und Demografie zu stemmen?

Ja, die deutsche Wirtschaft hat in der Tat einen enormen Transformationsprozess zu bewältigen. Wir reden darüber ja schon seit vielen Jahren und haben auch in der vorletzten Legislaturperiode schon sehr konkrete Maßnahmen gestartet. Lassen Sie mich nur drei der zahlreichen Maßnahmen des Bundes nennen. Es gibt die Mittelstand-4.0-Kompetenzzentren deutschlandweit, in denen sich die Mittelständler konkret über die Veränderungen durch die Digitalisierung informieren können. Mit der Förderinitiative „Mittelstand 4.0“ werden die Beschaffungs- und Produktionsprozesse bei kleinen und mittleren Unternehmen über alle Branchen hinweg maßgeblich vorangetrieben. Mit „Digital jetzt“ unterstützt der Bund die Investitionsförderung für KMU. Die Unternehmen sollen da - mit angeregt werden, mehr in digitale Technologien sowie in die Qualifizierung ihrer Beschäftigten zu investieren. Neben diesen und weiteren Förderprogrammen des Bundes, vor allem auch im Energiebereich, gibt es in jedem Bundesland noch Fördermittel.

Mir erscheint es besonders wichtig, dass sich die mittelständischen Unternehmen auf den Weg machen und sich informieren, was Dekarbonisierung, Digitalisierung und die veränderte Altersstruktur der Gesellschaft konkret für ihr jeweiliges Geschäftsmodell bedeuten. Sodann sollten sie den Kontakt mit Start-ups suchen und herausfinden, was sich in dieser Szene in ihrem Geschäftsbereich entwickelt. Es mag auch sein, dass man Ideen für verbesserte Produktions- und Logistikprozesse bei Start-ups kaufen kann.

Zur Vernetzung von KMU und Start-ups gibt es inzwischen viele Veranstaltungen – und mit GlassDollar ein Start-up, das die Vernetzung professionell betreibt. Der Staat ist weiterhin gefordert, den Prozess zu unterstützen. Tätig werden müssen die Unternehmerinnen und Unternehmer aber selbst.

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ZUR PERSON:

BRIGITTE ZYPRIES war von 2002 bis 2009 Bundesministerin der Justiz und von 2017 bis 2018 Bundesministerin für Wirtschaft und Energie. Die Juristin wurde nach einer Verwaltungslaufbahn zunächst beamtete Staatssekretärin im niedersächsischen Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales und von 1998 bis 2002 im Bundesministerium des Innern. Von 2013 bis 2017 war sie Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Von 2005 bis 2017 vertrat die SPD-Politikerin den Wahlkreis Darmstadt im Bundestag. Seit ihrem Abschied aus der aktiven Politik im März 2018 ist Brigitte Zypries als Angel-Investorin tätig, Ombudsfrau bei verschieden Verbänden, Herausgeberin der „Zeitschrift für Rechtspolitik“ sowie des Unternehmensmagazins „DUP“, Präsidentin der Deutsch-Israelischen Juristenvereinigung (DIJV) und Beiratsvorsitzende des European Leadership Network (ELNET).

Interview: Anke Janetzki
Foto: Susie Knoll/Florian Jaenicke/SPD

 

Dieses Interview wurde erstmals in der UNTERNEHMERIN (2021/2) veröffentlicht.