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Bildung muss sich was trauen

Welchen Auftrag hat Bildung heute, und welche Innovationen können dabei unterstützen, Bildung zukunftsfähig zu machen? Bildung muss neu gedacht werden, um aus den Herausforderungen der Zukunft Chancen zu machen. Wir stellen fünf Konzepte vor, die bei der Wissensvermittlung mutig vorausdenken – mit großem Erfolg.

„Wenn wir die Zukunft nachhaltig gestalten wollen, müssen wir Schule neu denken“, sagt Susanne Stövhase, Co-Gründerin und Geschäftsführerin von Education Innovation Lab, einem „Think & Do Tank“ für Bildung mit Sitz in Berlin. Gemeinsam mit der Co-Geschäftsführerin Manuela Mohr hat Susanne Stövhase das Lab vor fünf Jahren an den Start gebracht. Das Team kooperiert hierzulande derzeit mit rund 50 Schulen und mit weiteren in Österreich. „Wir verstehen uns als Bildungsinnovatorinnen“, sagt Manuela Mohr, „entwickeln Formate, die Lehrende und Lernende auf Augenhöhe ausprobieren.“ So wie die Digital Sparks. Das Onlineformat wendet sich an Schüler*innen ab der neunten Jahrgangsstufe und ermöglicht ein themenspezifisches, fachübergreifendes und kollaboratives Arbeiten. „Wir wollen nicht weniger als die neue Schule“, sagt Stövhase, „eine Schule, in der Scheitern und Fehler erlaubt sind, die gesellschaftsrelevante Themen angeht und die sich auf die Lernenden zentriert. Und das alles unter der Fragestellung: Welchen Auftrag hat Bildung?“ Die Antwort auf diese Frage spiegelt sich im Angebot des Education Innovation Lab. Es entwickelt ganzheitliche Programme für Schulen, um diese zukunftsfähig zu machen, und befähigt Lehrkräfte, eine neue Kultur des Lernens zu praktizieren. „Wir müssen Lernenden Zukunfts-Skills vermitteln“, so Mohr, „kollaborativ, vernetzt, global – Eigenschaften wie diese bestimmen das neue Mindset.“
Wie das in der Praxis aussieht, zeigen Kooperationen wie die mit dem Futurium in Berlin. Das Education Innovation Lab kreierte hierfür Bildungsmaterialien, sogenannte Zukunfts­boxen, die es Schüler*innen ermöglichen, sich spielerisch mit Zukunftsthemen auseinanderzusetzen.

Schule innovativ denken ist auch das Thema von Yvonne Wende. Die Geschäftsführerin und Direktorin der Berlin Cosmopolitan School (BCS) gründete die Privatschule 2004, weil sie keine bilinguale Vorschule für ihre Tochter fand. Der erste Jahrgang bestand aus 18 Schüler*innen, wie sie erzählt. Heute steht BSC für ein ganzheitliches bilinguales Konzept, das Kindern eine „glückliche und erfolgreiche Zukunft eröffnet“. Rund 750 Kinder aus mehr als 45 Nationen besuchen den BCS Campus, der einen Kindergarten, Vor- und Grundschule sowie ein Gymnasium umfasst. „Alle Kinder wollen lernen“, sagt Yvonne Wende, „von der ersten Sekunde ihres Daseins an. Und sie lernen durch Versuche. Deshalb sollten wir Versuche – und Fehlversuche gleich positiv bewerten.“ Die BSC will Lernenden einen sicheren Raum bieten, der genau das möglich macht und die individuelle Motivation und den Lernwillen weckt – und wachhält, ein Leben lang. „Unsere Schüler*innen lernen bei uns, wie sie sich zu lebenslangen Lernenden entwickeln können“, so Wende. Eine frühe Förderung und eine „frühe Suche nach Leidenschaften“ seien für das Heranreifen eines dynamisches Mindset essenziell, genau wie digitale Bildung ab der ersten Klasse, die Einbildung von Natur und Handwerk oder das breite Angebot aus den Bereichen Musik, Tanz und Sport. „Forschendes Lernen, außerschulische Lernorte, der Besuch verschiedener Organisationen und Praktika ab der sechsten Klasse bringen die Schule in direkten Kontakt mit der realen Welt, und im Wirtschaftsunterricht werden Firmen gegründet.“ In diesem Jahr unter anderem zur Produktion von brandenburgischen Bambushalmen. „Kinder wollen lernen, und sie wollen etwas leisten“, sagt Yvonne Wende, „wir trauen es ihnen zu und unterstützen sie dabei.“ 

Unterstützen ist auch das Stichwort für Dr. Nicole de Paula. Seit Jahren wirbt die Wissenschaftlerin, die derzeit als erste Klaus-Töpfer-Stipendiatin am Internationalen Institut für Nachhaltige Entwicklung (IASS) in Potsdam forscht, für ein öffentliches Verständnis für Schlüsselfragen im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit, Umwelt und öffentlicher Gesundheit. Als Verfechterin von Planetary Health setzt sich die gebürtige Brasilianerin für den sozioökonomischen Fortschritt von Frauen durch Umweltschutz- und Gesundheitspolitik ein, um die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung bis 2030 Wirklichkeit werden zu lassen. Neben einer interdisziplinären Forschungsgruppe für Planetary Health an der Universität von São Paulo (Brasilien), die sie 2018 mitinitiierte, brachte sie im Dezember 2019 das Social Enterprise Women Leaders for Planetary Health (WLPH) an den Start. „Unser Ziel ist es, eine digitale Akademie für junge Wissenschaftlerinnen aufzubauen, die sich den Themen Nachhaltige Entwicklung und Gender Equality widmet“, sagt die Gründerin, „dabei konzentrieren wir uns zunächst auf die Länder der Südhalbkugel.“ Begleitende Forschungsarbeit soll dazu beitragen, „systemische Barrieren für die Gleichberechtigung der Geschlechter und den Umweltschutz zu überwinden“. Um dies zu erreichen, sagt Nicole de Paula, bilde die Akademie die Wissenschaftlerinnen zu „transformativen Akteurinnen in den Bereichen Gesundheit, Umwelt und Menschenrechte“ aus. Einen ersten Schritt dorthin hat die junge Akademie bereits gemacht: Seit Oktober dieses Jahres veranstaltete WLPH ein digitales Mentorinnenprogramm über sechs Monate. „Akademisches Arbeiten trifft Networking und Leadership – unsere Erfahrungen zeigen, wie groß der Bedarf in diesem Bereich ist.“

Erwachsenenbildung jenseits von Akademie und Seminaren, nämlich aufbauend auf Lernklub und Community: Die SHIFTSCHOOL for Digital Transformation in Nürnberg will „echten Wandel bewirken“, sagt Gründerin und Schulleiterin Christina Burkhardt. „Als Lehrerin sollte man selbst die größte Schülerin bleiben und immer wieder alles infrage stellen“, sagt sie und verweist damit auf den Konzeptwandel, den sie und ihr Mitgründer und Ehemann Tobias Burkhardt dem Unternehmen verordnet haben. „Als deutschlandweit erste Akademie für digitale Transformation haben wir in den vergangenen fünf Jahren mehr als 100 Absolvent*innen ausgebildet: Teilnehmer*innen aus allen Branchen, die in ihren Unternehmen die digitale Transformation mitgestalten“, so Burkhardt. „Wir waren sehr erfolgreich – und wollten uns weiterentwickeln. Covid-19 hat das beschleunigt.“ Also wird die SHIFTSCHOOL im kommenden Frühjahr mit einem neuen Modell starten: „Wir sind kein Massenprodukt, wollten es auch nie sein. Von daher war der internationale Klubgedanke genau das Richtige, um unsere Vision zu verwirklichen.“ Workshops, Peer-to-Peer-Sessions und ein Debattierklub sollen online live ohne Aufzeichnung stattfinden. „Verbindlichkeit ist extrem wichtig“, sagt die Unternehmerin, „und hat nichts damit zu tun, ob man physisch oder virtuell zusammen lernt.“ Zu besonderen Gelegenheiten soll es – wie beim alten Modell – mehrtägige physische Workshops in ganz Europa geben. Wer Mitglied im Klub werden möchte, muss sich im Gespräch bewerben. „Wir wollen wissen: Was möchtest du beitragen? Wie ist deine Haltung zu Themen?“ Für die Mitgliedschaft wird ein jährlicher Betrag fällig. „Im Grunde ist es wie ein Fitnessklub für den Kopf. Ein Klub, der lebenslanges Lernen zum selbstverständlichen Bestandteil des Alltags macht.“

Menschen und Organisationen in die digitale Welt mitzunehmen und sie zu befähigen, neue Chancen zu nutzen, ist auch das Thema von Dr. Katja Bett. Seit mehr als 20 Jahren im Bereich digitale Bildung unterwegs, gründete die Diplom-Pädagogin 2013 gemeinsam mit Josef Buschbacher die Beratungsagentur Corporate Learning + Change GmbH mit Sitz in Stuttgart. ­Unterstützt von zehn Mitarbeiter*innen, begleiten Bett und Buschbacher Unternehmen und Organisationen beim Aufbau von digitalen Lernangeboten, sorgen für den internen Kompetenzaufbau für die E-Trainer*innen und konzipieren maßgeschneiderte Blended-Learning-Konzepte und E-Learning-­Formate. „Unser Spektrum spannt sich dabei von der Ausbildung von Webinar-Trainer*innen bis hin zu Beratung und Change­ Management beim Aufbau von Online-Akademien. Dabei haben wir immer drei Felder im Blick. Tool-Set: Beratung für die richtige Technologie, Skill-Set: didaktische Kompetenzen für digitale Bildung und Mind-Set: Lernkultur und Change-Prozess.“ Die Spezialisierung auf Didaktik sei dabei „ein großes Plus, denn es geht immer zuerst um die Lernenden und nicht um Technik“. Es sei digital wesentlich wichtiger, auf eine gute Atmosphäre zu achten, weil sich diese langsamer einstelle als bei Präsenz. Digitale Medien wirkten als „Brennglas“, es werde alles extremer wahrgenommen, wenn Mimik und Gestik nicht gesehen werden können. „Bei digitalen Kursen schalten wir immer ein ‚Startklarpaket‘ vor, um einerseits die Technik, aber vor allem auch die sozialen Hürden möglichst gering zu halten.“ Takten, betreuen, moderieren, verzahnen: Der Umgang mit Zeit zähle ebenso wie Verbindlichkeit und soziale Nähe zu den Erfolgsfaktoren bei digitalen Lernformaten. Inspiration für neue Methoden erhalte sie aus ihrer Community in den DACH-Ländern; ansonsten gelte auch für Corporate Learning + Change, „Auge und Ohr am Markt haben“. Neben den Beratungs- und Train-the„E“-Trainer-Angeboten ist die Agentur auch in Projekte eingespannt: „Aktuell beteiligen wir uns bei der Entwicklung einer Lernumgebung auf Basis Künstlicher Intelligenz im Pflege- und Gesundheitsbereich. Spannend!“

Texte: Anke Bracht

Dieser Artikel wurde erstmals in der UNTERNEHMERIN (2020/2) veröffentlicht.