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Aus tiefer Überzeugung

Als Sara Nuru 2016 gründete, wurde sie ihres Konzepts wegen belächelt. Heute ist nuruCoffee ein organisch wachsendes Unternehmen, das sich vor allem über sein soziales Engagement definiert. Der Erfolg des Berliner Start-ups zeigt, wie nachhaltiges Business funktionieren kann.

Eigentlich, sagt Sara Nuru, sei sie ganz intuitiv an die ganze Sache herangegangen. Sie legt ihre Hände wie schützend um die Kaffeetasse und blinzelt in die Son­ne. Leer ist es an diesem Sommertag auf dem Berliner Alexanderplatz und in den vielen Cafés ringsum, Corona. „Zum Kaffee kam ich wirklich aus tiefer Überzeugung“, sagt die Gründerin von nuruCoffee, „ich wollte etwas machen, was mich persönlich mit Sinn erfüllt.“ Mehr als vier Jahre Model­karriere liegen hinter der gebürtigen Münchnerin, als sie gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Sali 2016 den Schritt in die Selbstständigkeit wagt. Sie mag nicht mehr von Agent*innen und Fotograf*innen wie ein Objekt hin­ und hergeschoben werden, aus dem Koffer leben, fremdbestimmt arbeiten. „Ich wollte von der wartenden Position endlich in die Verantwor­tung“, beschreibt sie ihren Drang, sich vom Modelbusiness zu lösen. Begonnen hatte diese Karriere 2009, als sich für die da­mals 19­jährige Sara Nuru, Gewinnerin der Castingshow „Germany’s Next Top Model“ (GNTM), international die Türen öffneten. Und dann wirklich Kaffee statt Glamour? Die Unternehmerin lacht. Anscheinend wird sie das oft gefragt. „Zum einen ist dieser Beruf endlich“, kommt die prompte Ant­wort, „zum anderen ist das ein sehr banales Business. Ich hatte einfach genug.“ Ihre Eltern – sie ist die dritte von vier Töchtern – hätten sie bei ihrer Entscheidung unterstützt: „Genauso wie sie das Modeln mitgetragen haben, waren sie auf unserer Seite, als Sali und ich beschlossen haben, Kaffee aus Äthiopien unter eigenem Label zu vertreiben.“

Stichwort Äthiopien. Bereits während der GNTM­Staffel wird die Stiftung Menschen für Menschen auf die junge Frau auf­merksam. Die von Karlheinz Böhm 1981 gegründete Organisa­tion für Entwicklungshilfe setzt sich in dem afrikanischen Land für die Hilfe zur Selbsthilfe ein. Und sie sucht eine Botschafte­rin für ihre Jugendinitiative, um junge Menschen zu motivie­ren, sich zu engagieren. Wer könnte sich dafür besser empfehlen als eine Frau mit äthiopischen Wurzeln und immenser medialer Reichweite? „Denen war es völlig egal, ob ich gewinnen würde oder nicht, und ich wusste zu der Zeit auch nicht, ob ich gewin­nen würde, ich war lediglich unter den letzten zehn Teilneh­merinnen“, sagt Sara Nuru. Sie habe sich geehrt gefühlt und die Einladung für ein Treffen angenommen. „Jedes Kind in Äthiopien kennt Menschen für Menschen“, sagt die Gründerin von nuruCoffee, „und witzigerweise ist die Zentrale nur eine U­Bahn­Station von der Wohnung meiner Eltern in München entfernt.“ Ihre Managerin rät ab, aber das angehende Model hat seinen eigenen Kopf und sitzt drei Monate nach dem Gewinn des Finales gemeinsam mit dem Vater im Flugzeug nach Addis Abeba. „Zuvor war ich nur einmal in Äthiopien gewesen, als Touristin mit meiner Familie“, erinnert sie sich, „da sieht man natürlich nur die schönen Seiten.“ Was sie nun erlebt, ist ein Schock. Sie lernt Menschen kennen, die am Existenzminimum leben. Frauen, die kilometerlange Wege zurücklegen müssen, um sauberes Trinkwasser zu bekommen. Kinder, die stundenlang für den Schulweg unterwegs sind und in heruntergekommenen Lehmhütten unterrichtet werden, die hierzulande nicht einmal als Viehstall genutzt würden. „Während dieses Aufenthalts bin ich zum ersten Mal damit konfrontiert worden, wie privilegiert ich bin. Ich bin in Deutschland geboren, konnte ganz selbstverständlich zur Schule gehen, und das Wasser kam aus dem Hahn.“ Und noch etwas entdeckt Sara Nuru: „Ich habe auf einmal verstanden, woher meine Eltern stammen. Warum sie nach Deutschland gegangen sind. Sie wollten einfach ein besseres Leben für ihre Kinder.“ Alles schwere Kost, sagt die Gründerin: „Es hat Jahre gedauert, das zu verarbeiten. Ich habe mich immer wieder gefragt: warum ich? Und dann habe ich mir gesagt: Wenn ich schon diesen öffentlichen Präsenz habe, dann sollte ich sie auch dazu nutzen, etwas zu ändern.“

Es ist die Geburtsstunde von nuruCoffee. Sara und ihre Schwester Sali erarbeiten einen Businessplan, „alles schöne Theorie“, wie Sara Nuru heute sagt, „es war vielmehr Learning by Doing“. Die beiden wühlen sich in das Thema Kaffee hinein, reisen viele Male nach Äthiopien, sprechen mit Erzeugern. Sie gehen Schritt für Schritt, vorsichtig. nuruCoffee ist bis heute eigen- finanziert, Sara Nuru hat ihre Rücklagen aus der Modelzeit dafür verwendet. Das Business läuft langsam an; die jungen Unternehmerinnen werden für ihr Konzept belächelt. Ein Unternehmen, das das Wohl der Bauer*innen über den Profit stellt? Ein Start-up, das auf organisches Wachstum statt auf den schnellen Exit setzt? Zwei Frauen, die daran glauben, dass eine Wertschöpfungskette für alle Beteiligten fair sein kann? Total naiv – oder etwa nicht? Sara Nuru nickt. Man habe ihr vorgeworfen, sich nur wichtig machen zu wollen, das Unternehmen als medienträchtiges „Hobby“ zu vermarkten. Heute, so die Unternehmerin, lache niemand mehr. Natürlich, setzt sie nach, sei nicht alles perfekt. „Wie die Verpackung aussehen sollte, wie wir die Frauen in den Anbaugebieten unterstützen wollen, das hat sich im Laufe des Prozesses entwickelt.“ Verpackungen ohne Aluminium sind heute ebenso selbstverständlich wie die Hilfe vor Ort. nuruCoffee vergibt Mikrokredite an Frauen, 116 bis heute. Was sie besonders freue, sagt Sara Nuru, sei das Interesse der Konsument*innen – am Produkt genauso wie am Engagement. „Die wollen alles ganz genau wissen, wollen Transparenz.“

So wie sie dasitzt, die Kaffeetasse in den Händen, konzentriert, vermittelt Sara Nuru viel mehr als das Bild einer Gründerin. Tiefgründig, reflektiert wären wohl passende Worte für ihre Ausstrahlung. Darauf angesprochen, lächelt sie leise. Welche Bedeutung hat Kaffee in ihrem Leben, über das Unternehmen hinaus? Sara Nuru erzählt. Die Worte purzeln ihr aus dem Mund, es sind ganz persönliche Momente, die sie mit uns teilt. „Meine Mutter und meine beiden älteren Schwestern kamen an einem Mittwoch in Deutschland an. Deshalb macht meine Mutter an jedem Mittwoch ihre Kaffeezeremonie, als Dank dafür, dass sie hier so viel Gutes erfahren hat.“ Grüne Kaffeebohnen über offenem Feuer rösten, dann dreimal aufbrühen: „Äthiopien ist das einzige afrikanische Land, das nie zur Gänze kolonialisiert wurde. Das heißt, die Bevölkerung wurde ihrer Kultur und Tradition nie beraubt. Die Kaffeezeremonie – Äthiopien ist das Ursprungsland des Kaffees – wird seit Jahrhunderten zelebriert, von Frauen. Der erste Aufguss ist für den Genuss, der zweite, um Sorgen und Nöte zu besprechen, und der dritte, um Lösungen zu finden und Versöhnungen auf den Weg zu bringen.“ Sie liebe diese Zeremonie, sagt Sara Nuru, weil sie auf angenehme Weise entschleunige und in jedem Schluck des Kaffees sich die Mühe offenbare, die dahintersteckt.

Die Sonne wandert weiter, das Café́ am Alexanderplatz liegt nun im Schatten. Eine Frage noch an Sara Nuru, der aktuellen Diskussion um „Black Lives Matter“ geschuldet. Die junge Frau sammelt sich kurz, dann sprudelt es nur so aus ihr heraus. „Ich bin ja auch betroffen, und ich finde es gut, dass jetzt ein Bewusstsein da ist – es ist ja kein ‚altes‘ Problem. Ich habe mich nie öffentlich zum Thema Rassismus geäußert, weil ich nicht wollte, dass ich auf meine Hautfarbe reduziert werde. Ich wollte nie ‚das schwarze Model‘ sein.“ Sie habe jüngst einen Beitrag über Tupoka Ogette gelesen, Autorin von „Exit Raciscm“ und Antirassismus-Trainerin. „Es geht nicht darum, was wir tun können, sondern dass sich die weiße Mehrheitsgesellschaft mit dem Thema auseinandersetzen muss. Ich als schwarze Frau darf mich aus der Verantwortung nehmen.“ Und das aus tiefer Überzeugung. 


ZUR PERSON

SARA NURU kam im August 1989 als dritte von vier Töchtern in Erding bei München zur Welt. Ihre Eltern stammen aus Äthiopien und waren drei Jahre vor Saras Geburt mit den beiden älteren Schwestern nach Deutschland immigriert. Einem breiten Publikum wurde Sara Nuru durch die Teilnahme an der vierten Staffel der Castingshow „Germany’s Next Top Model“ im Jahr 2009 bekannt. Parallel zu ihrer Modelkarriere, die sie nach dem Sieg bei GNTM aufbaute, engagierte sich die heutige Unternehmerin für die von Karlheinz Böhm gegründete Äthiopienhilfe Menschen für Menschen.

2016 brachte sie gemeinsam mit ihrer Schwester Sali in Berlin nuruCoffee an den Start. Einen Teil des Gewinns investiert nuruCoffee in Mikrokredite für äthiopische Frauen, um deren Unabhängigkeit zu fördern und die Lebensverhältnisse der Familien nachhaltig zu verbessern.

Text: Christian Bracht


Dieser Artikel wurde erstmals in der UNTERNEHMERIN (2020/1) veröffentlicht.