| Presse | Überregional Zurück

„Parallelen und Perspektiven der Gleichberechtigung in Politik und Wirtschaft“

Zum 100-jährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts meldet sich auch VdU-Präsidentin Stephanie Bschorr mit einem Buchbeitrag zu Wort. Darin blickt sie nicht nur zurück auf diese große Errungenschaft – ihr Blick nach vorn zeigt vor allem, was es für die Gleichberechtigung für Frauen in Politik und Wirtschaft noch zu tun gibt.

100 Jahre Frauenwahlrecht sind ein großartiges Jubiläum. Sie rufen uns in Erinnerung, wie viel Kraft und Ausdauer nötig waren, um dieses Recht durchzusetzen. Wir haben allen Grund, diese Errungenschaft zu feiern und stolz zu sein auf die mutigen Vorkämpferinnen, die es erstritten haben. Noch mehr Grund haben wir, mit Blick auf die Zukunft gemeinsame Perspektiven für die tatsächliche Umsetzung sowohl der politischen als auch der wirtschaftlichen Teilhabe von Frauen zu entwickeln.

Auf den ersten Blick scheinen beide nicht viel gemeinsam zu haben: Sie richten sich zum einen an verschiedene Adressatinnen und Adressaten. Zudem verfolgen sie eine jeweils eigene Agenda. Das eine dreht sich um die Möglichkeiten demokratischer Mitwirkung, das andere um Broterwerb und Unternehmenserfolg. Keine Frage: Politik und Wirtschaft sind durchaus unterschiedliche Sphären.
Und doch drängen sich die Parallelen geradezu auf. Gleichberechtigung in Politik und Wirtschaft ist ein ebenso selbstverständliches wie bislang noch nicht vollständig umgesetztes Emanzipationsprojekt. Das verbriefte Recht ist das eine, die Umsetzung bis hoch in die Spitzenpositionen das andere.

Gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an Wirtschaft und Gesellschaft ist Satzungsziel des Verbandes deutscher Unternehmerinnen. Das scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein. Aber ein Blick in unsere Wirklichkeit zeigt, dass wir von der Umsetzung noch ein gutes Stück entfernt sind. Auch die Geschichte des Frauenwahlrechts lehrt, dass die Durchsetzung von Selbstverständlichkeiten einen sehr langen Atem erfordert.

Der VdU macht sich seit über sechzig Jahren für die Sache der Frauen in der deutschen Wirtschaft stark. Dabei standen und stehen wir auch auf dem politisch-rechtlichen Fundament, das durch die Durchsetzung des Frauenwahlrechts gelegt wurde. Denn die Unternehmerinnen sehen ihre Aufgabe auch politisch und gesellschaftlich. Sie haben um Respekt und Anerkennung gekämpft, als Frauen in den von Männern dominierten Wirtschaftsverbänden noch Exotenstatus hatten.

Dabei hatten Frauen schon immer einen beachtlichen Anteil an der Wirtschaftsleistung unseres Landes. Schon eine Generation vor der Einführung des Frauenwahlrechts stellten Frauen einen Anteil von knapp einem Viertel aller unternehmerisch Tätigen, so weist es die amtliche Gewerbestatistik des Deutschen Kaiserreiches von 1895 aus.

Unterschätzt, übersehen und unterrepräsentiert: Das galt viel zu lange für Frauen in der deutschen Wirtschaft. Öffentlichkeit, Politik und nicht zuletzt auch die wirtschaftshistorische Forschung haben den tatsächlichen Beitrag der Frauen nicht gespiegelt, den sie als Managerin, als Unternehmerin, als Beschäftigte erarbeiten – und natürlich auch in ihrer unbezahlten Arbeit, Stichwort Verantwortung für Familien. Bis heute leisten Frauen hier den Löwenanteil an der Kindererziehung und an der Pflege für ältere Angehörige.

Ähnlich verliefen die Anfänge der politischen Repräsentation von Frauen. Im Winter 1918 fanden die ersten Landtagswahlen mit aktivem und passivem Frauenwahlrecht statt. Am 19. Januar 1919 folgte die erste Reichstagswahl, in der die Frauen ihr neues Mitwirkungsrecht endlich auch auf Reichsebene wahrnehmen konnten. Gewählt wurden immerhin knapp zehn Prozent weibliche Abgeordnete – eine Marge, die über mehrere Jahrzehnte nicht wesentlich überschritten wurde, und die sich bis heute kaum über ein Drittel hinaus entwickelt hat. Und doch, verglichen mit den Frauenanteilen in den Top-Etagen der deutschen Großunternehmen, eine durchaus respektable Zahl.

Immerhin liegt die Politik gegenüber der Wirtschaft in Sachen Spitzenfunktion vorn, auch wenn es von der Durchsetzung des Frauenwahlrechts bis zur ersten Regierungschefin fast neun Jahrzehnte gedauert hat. Nicht zu vergessen allerdings, dass die ökonomische Gleichberechtigung schlechtere Startchancen hatte: Während Frauen in Deutschland schon seit Generationen wählen durften, benötigten sie für die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit oder die Eröffnung eines eigenen Bankkontos noch bis in die siebziger Jahre die Einwilligung ihres Ehemannes.

Das ist zum Glück längst Geschichte. Die Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung sind unübersehbar, aber wir sind noch nicht am Ziel. In Wirtschaft wie in der Politik stehen nach wie vor meist die Männer im Fokus der Verantwortung. Frauen sind in den Führungsetagen noch immer zu selten vertreten.

Was also brauchen wir? Für den ökonomischen Bereich gibt es eine klare Agenda: Erstens ist eine Förderung weiblichen Unternehmertums wichtig. Frauen in Führungsverantwortung müssen sichtbarer werden. Selbstverständliche und gleichberechtigte Teilhabe ist das Ziel. In den Spitzengremien ebenso wie in den nachgeordneten Leitungsebenen, aus denen sich die Führungskräfte von morgen rekrutieren.
Zweitens brauchen wir eine weitere Förderung der Frauenerwerbstätigkeit. Dabei geht es nicht nur um die Erhöhung der Erwerbsquote, sondern vor allem um eine Harmonisierung der Erwerbsbiografien. Frauen wählen noch immer überwiegend traditionelle Frauenberufe, sind häufig in Niedriglohnsektoren oder in geringen Stundenumfängen erwerbstätig.

Das wirkt sich vielfach aus: In schlechteren Aufstiegschancen, in geringen Verdiensten, in niedrigeren Rentenanwartschaften – ein Teufelskreis, übertragen auf die politische Beteiligung ist das so, als würden Frauen ihr Wahlrecht massenhaft nicht wahrnehmen. In Berufswahl und Erwerbsbiografie liegen auch die wichtigsten Stellschrauben zur Verringerung der Entgeltlücke, Karrierechancen und Aufstiegsmöglichkeiten inklusive.

Es ist an der Zeit für nachhaltige Verbesserungen. Am Ende des Tages ist gleichberechtigte Teilhabe immer auch eine Frage der Macht. Und genau darin liegt auch die gemeinsame Perspektive in der Umsetzung der Gleichberechtigung in Politik und Wirtschaft. Darum haben sich die deutschen Unternehmerinnen für die Einführung einer Aufsichtsratsquote eingesetzt und in der politischen Interessenvertretung auf die Durchsetzung dieser Regelung gedrungen.

Auch dies eine Parallele zur Politik: Es waren dicke Bretter zu bohren und jahrelang engagierte und beharrliche Überzeugungsarbeit zu leisten. Schließlich brachte ein überparteiliches Bündnis aus sechs Frauenverbänden und Politikerinnen aus allen Fraktionen den Durchbruch – ein gutes Beispiel für erfolgreiche Kooperation.

Der Erfolg der Aufsichtsratsquote wird sich weniger kurzfristig als vielmehr auf mittlere Sicht zeigen: Denn selbstverständlich geht es nicht um einige wenige Mandate, sondern es geht vielmehr darum, einen grundlegenden Wandel der Unternehmenskultur in Gang zu setzen.

Nach der ersten Bilanz sind wir tatsächlich auf dem richtigen Weg. Nicht allein, dass die im Gesetz vorgeschriebene Quote der Aufsichtsratsmandate für Frauen bereits vorzeitig erfüllt wird, denn die Hälfte der betroffenen börsennotierten und voll mitbestimmungspflichtigen Unternehmen verfügt schon jetzt über einen Frauenanteil von 30 Prozent oder darüber, obwohl noch längst nicht alle turnusmäßigen Wahlen zum Aufsichtsrat stattgefunden haben.

Es zeichnet sich ab, dass die Quote auch dort wirkt, wo sie gar nicht gilt, nämlich in den Vorstandsetagen der großen DAX-Unternehmen. Das ist das Ziel: Eine Initialzündung für mehr Frauen auch in den Führungspositionen der operativen Ebene. Und damit für mehr Frauen in unternehmerischer Verantwortung.

Es bleibt ein zäher Kampf mit zahlreichen Parallelen und einer gemeinsamen Perspektive für die Verwirklichung der gleichberechtigten Teilhabe in Wirtschaft und Politik. Denn die politischen Frauenrechte brauchen das ökonomische Fundament. Und umgekehrt.

 

Diesen Beitrag stellen wir Ihnen hier auch als Download zur Verfügung.