Demokratie ist kein Selbstläufer. Sie braucht Menschen, die sie mit Leben füllen – auch und gerade in Unternehmen. Denn wer glaubt, wirtschaftlicher Erfolg ließe sich vom Zustand unserer Gesellschaft entkoppeln, irrt gewaltig. Vielfalt gehört zum Fundament unserer Gesellschaft. Nicht als PR-Zutat, sondern als Realität. Fakt ist, die Hälfte der Bevölkerung ist weiblich, ein Drittel hat einen Migrationshintergrund. Und trotzdem sehen Führungsetagen, Bundestag oder Unternehmensvorstände oft ganz anders aus. Erschreckend, wenn in einem demokratisch gewählten Parlament mehr Jurist*innen sitzen als Menschen aus der Produktion oder Pflege. So zeigt sich, wie viel Repräsentation noch fehlt – und das nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft.
Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem Mitbestimmung nicht vorgesehen war. Heute leite ich Deutschlands größte Initiative von Arbeitgeber*innen für Vielfalt. Das ist alles andere als selbstverständlich – und genau deshalb auch nicht verhandelbar. Aus diesem Grund beobachte ich mit wachsender Sorge, wie demokratische Werte und Vielfalt zunehmend in Bedrängnis geraten. Begriffe wie „woke“ werden zur Keule – nicht aus Interesse an einer Debatte, sondern aus Angst vor Veränderung.
Doch diese Veränderung ist längst da: Sie arbeitet in unseren Unternehmen, lebt in unseren Städten, sitzt in unseren Klassenzimmern. Sie lässt sich nicht rückgängig machen – nur gestalten. Oder verdrängen. Wenn eine Seite laut wird, wird es die andere auch. Doch es geht nicht darum, lauter zu werden – sondern hörbar zu bleiben, mit Haltung und Klarheit. Unser aller Aufgabe liegt darin, Brücken zu bauen statt Mauern und Räume zu öffnen statt Debatten zu schließen. Wer Demokratie ernst nimmt, muss Verbindung schaffen, ohne Kompromisse bei den Werten zu machen.
Demokratie ist kein Zustand, sondern ein Prozess, davon bin ich überzeugt. Sie lebt davon, dass Menschen mitgestalten – jeden Tag, an jedem Ort. Unternehmerinnen wissen das längst. Sie führen nicht nur Unternehmen, sie prägen Kultur. Sie schaffen Räume, in denen Unterschiedlichkeit wirken darf – und Organisationen zukunftsfähig bleiben. Deshalb ist jetzt der Moment, Haltung zu zeigen. Demokratie braucht keine Sonntagsreden – sondern Alltagsentscheidungen. Wer wird eingestellt? Wem wird zugehört? Wessen Perspektive fließt in Produkte, Strategien, Politik? Vielfalt darf nicht der Preis für Bequemlichkeit sein. Sondern der Anspruch an eine Wirtschaft, die unsere Gesellschaft spiegelt – und stärkt.
Cawa Younosi ist Geschäftsführer des Charta der Vielfalt e.V. – Deutschlands größter Arbeitgeber*inneninitiative mit mehr als 6000 unterzeichnenden Unternehmen. Der Jurist war zuvor Personalchef von SAP Deutschland und zählt heute zu den profiliertesten Stimmen für Vielfalt, Chancengleichheit und demokratische Unternehmenskultur. Auf LinkedIn gehört er zu den Köpfen für Diversity Leadership in Deutschland.
© Anne Hufnagl
Dieser Artikel wurde erstmals in der UNTERNEHMERIN 01/25 veröffentlicht.